1. Sinfoniekonzert

Johannes Killyen, Mitteldeutsche Zeitung, 13.9.2011

Glanzvoller Auftakt in die Saison
Natürlich war Ragna Schirmers Beethoven-Lesart beredt genug, für sich selbst zu sprechen. Ihre erste Zugabe jedoch erhellte - zum Auftakt der Konzertsaison im Anhaltischen Theater - das große fünfte Klavierkonzert zweifellos noch ein Stück mehr. Schirmer donnerte derart kraftvoll und virtuos durch Chopins cis-Moll-Etüde op. 10 Nr. 4, dass im Publikum die Münder offen blieben. Im Umkehrschluss machte der zugegebene Chopin deutlich, worum es der Ausnahmepianistin aus Halle zuvor im Beethoven-Konzert gegangen war: Nicht um imperiales Imponiergehabe oder Testosteron gesättigte Oktavpassagen, sondern um kluges, differenziertes, alle Feinheiten auslotendes Musizieren im Einklang mit dem Orchester.
Noch war es nicht ganz leicht, das Gleichgewicht zwischen Orchester und Solistin oder die Präsenz des Flügels einzuschätzen, denn an diesem Abend erlebte das neue Konzertzimmer der Anhaltischen Philharmonie seine Premiere. Gemeint sind damit akustische Einbauten, die den theatralen Bühnenraum in einen angemessenen Konzertsaal verwandeln - eine Angelegenheit von zentraler Bedeutung für den Orchestersound.
Transparenter Klang
Der Klang, so scheint es, ist jetzt transparenter und weiter aufgefächert als bislang, er neigt im Fortissimo nicht so rasch zu Überschlägen. Die Holzbläser sind (zumindest vom Rang aus) besser zu hören, konnten in einen herrlichen Dialog mit dem Klavier treten - der aber auch deshalb zustande kam, weil Ragna Schirmer, etwa in der Durchführung des ersten Satzes, die Solobläser bereitwillig zu schönster Kammermusik einlud. Lediglich ganz zu Beginn dauerte es ein paar Takte, bis das endgültige Einvernehmen mit dem von GMD Antony Hermus geleiteten (und wieder bestens aufgelegten) Ensemble hergestellt war. Verzärtelt war Schirmers Beethoven gewiss nicht, gerade im zweiten Satz aber unendlich zart. Ein Musterbeispiel kluger Gestaltung der dritte Satz: Da kam das sich aufbäumende Hauptthema niemals gleich daher, einmal scheinbar auftrumpfend, doch gleich wieder zurückgenommen, beim nächsten Mal dagegen glanzvoll hervorgehoben. So steht es auch in der Partitur - doch gibt es genügend Pianisten, die sich darum herzlich wenig scheren. Höhepunkt vor der Pause Beethoven und Schirmer: Der Höhepunkt dieses ersten Sinfoniekonzertes lag zweifellos vor der Pause, auch wenn danach noch Mendelssohns große "Schottische" Sinfonie wartete, die zwar offiziell des Meisters dritte ist, jedoch später entstanden ist als die vierte ("Italienische") und die fünfte ("Reformationssinfonie"). Das dunkle, reife Spätwerk in a-Moll ist mit seinen exzeptionellen Rhythmen und den gedeckten Klangfarben nicht immer einfach zum Leuchten zu bringen, auch der Anhaltischen Philharmonie gelang das unterschiedlich gut. Der erste und der vierte Satz (bei letzterem vor allem die Coda) waren zwar sehr aufmerksam musiziert; Antony Hermus hielt seine Musiker auf der Stuhlkante, verlangte dynamische Präzision und genaue Phrasierung. Doch wählte er für beide Abschnitte ein auffallend langsames Tempo, das gerade am Anfang die dramatische Entwicklung beeinträchtigte. Der blitzend perlende zweite und der beseelte dritte Satz waren dagegen mehr in ihrer Mitte. Den Auftakt zur Universalität Beethovens und Mendelssohns setzte ein anhaltisches Werk, das als populärer Vorgucker ins "Anhalt 800"-Jahr 2012 wies. August Klughardts Festouvertüre Es-Dur war zu hören, ein Werk, das im Augenblick gar nicht auf CD verfügbar zu sein scheint und aus patriotischen Gründen schleunigst auf einen Tonträger gehört: Klughardt verarbeitet darin nicht nur den Dessauer Marsch, sondern auch das berühmte Anhalt-Lied. Unterhaltsame Musik ist das, zwischen Kunst und Militär. Doch auch Weltmusik von einem Beute-Anhalter gab es, zweifellos am intimsten Moment des Abends, zu hören: Noch vor der Pause ließ Ragna Schirmer auf Chopins Furor als zweite Zugabe die unvergleichliche Arie aus Bachs "Goldberg"-Variationen folgen. Der MDR überträgt das Konzert auf seinem Kultursender Figaro am 23. September ab 20.05 Uhr.

„Dessau und die Welt“

August Klughardt: Festouvertüre Es-Dur op. 78 zur 100-jährigen Jubelfeier des Herzoglichen Hoftheaters zu Dessau
Ludwig van Beethoven: Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 Anhören via youtube
Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 56 „Schottische“ Anhören via youtube
Dirigent: Antony Hermus; Solistin: Ragna Schirmer, Klavier

Zur Saisoneröffnung vor dem Jubiläumsjahr „800 Jahre Anhalt“ stehen drei Werke auf dem Programm, die alle in irgendeiner Form einen Bezug zu Dessau aufweisen. Zwei davon gehören zum Grundrepertoire der Sinfonieorchester in aller Welt. Die Uraufführung des berühmten 5. Klavierkonzertes von Ludwig van Beethoven fand jedoch nicht in Beethovens Wahlheimat Wien statt – leider auch nicht in Dessau –, sondern im Leipziger Gewandhaus. An jenem 28. November vor 200 Jahren saß ein 25-jähriger Musiker als Solist am Klavier, der knapp 10 Jahre später seine Lebensstellung als „Herzoglich-Anhalt-Dessauischer Hofkapellmeister“ antreten sollte: Friedrich Schneider. Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen Großvater Moses Mendelssohn am 6. September 1729 in Dessau geboren worden war, pflegte zeitlebens enge Kontakte zu Freunden und Kollegen in der Muldestadt, u.a. zu Konsistorialrat Julius Schubring, der ihn bei seinen Oratorientexten beriet, und auch zu „Friedrich, dem Weltgerichts-Schneider“. Die „Schottische“, Mendelssohns von Reiseeindrücken inspirierte bedeutendste Sinfonie, wird den Konzertabend beschließen. Eröffnet wird das Konzert und damit die gesamte Saison mit August Klughardts „Festouvertüre zur 100-jährigen Jubelfeier des Herzoglichen Hoftheaters zu Dessau“ von 1898, in der auch der „Dessauer Marsch“ zitiert wird.