von Johannes Killyen
Sinfoniekonzert: Philharmonie spielt Beethovens «Eroica» in einem Höllentempo
Beethoven und das richtige Tempo - dieses Thema hat Generationen von Musikwissenschaftlern und Interpreten schlaflose Nächte beschert. Dabei scheint die Wahl der richtigen Geschwindigkeit im Falle Beethovens einfacher zu sein als, sagen wir, bei Mozart oder Bach. Denn immerhin kannte der "Titan" aus Wien das 1815 erfundene Metronom und trug als vielleicht erster Komponist überhaupt Metronomzahlen in einige seiner Werke ein.
Schnelles Tempo gewagt
Die waren, wie es sich für den Querkopf Beethoven gehört, freilich etwas anders, als die meisten Dirigenten und Instrumentalisten es später wahrhaben mochten. Für den Kopfsatz seiner dritten Sinfonie, der "Eroica", hat der Meister zum Beispiel ein Tempo vorgegeben, das dieses "Allegro con brio" in die Nähe eines Wiener Walzers rückt. "Unschön", meckerten die Besserwisser - "unspielbar", die Kleingeister. War Beethovens Metronom kaputt? Oder sollte man alles einfach halb so schnell spielen?
Es gibt in der Masse von "Eroica"-Aufnahmen nicht viele, die das schnelle Tempo wagen und zur Diskussion stellen. Weshalb die Interpretation des neuen Generalmusikdirektors Antony Hermus beim zweiten Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie am Donnerstag und Freitag einer erfrischenden Ohrenwäsche gleichkam.
Hermus und sein glänzend präpariertes Orchester lieferten den Beweis dafür, dass es möglich ist, den besagten Anfangssatz in größter Natürlichkeit in einem wahren Höllentempo zu spielen - so, wie es Beethoven wollte. Das allein hätte für eine - sagen wir es ruhig - sensationelle Aufführung freilich nicht gereicht. Aber es machte exemplarisch deutlich, wie mutig und konsequent der neue musikalische Leiter des Dessauer Theaters seine Arbeit angeht.
Innerhalb weniger Monate hat Hermus im Orchester eine Klangkultur etabliert, die schlicht frappierend ist. Er gewichtet die Stimmen aufs Klügste, kultiviert feinstes Wispern ebenso wie eine klangvolle Mittellage oder ein explosives Forte. Kurz: Er präsentiert sich als Meister der wohl kalkulierten Effekte, ohne dabei Effekthascherei zu betreiben. Paradox: Nichts scheint bei dem Holländer zufällig zu geschehen, und doch überrascht vieles. Auch die neue Orchesteraufstellung, die in der Beethoven-Sinfonie zu reizvollen Stereo-Effekten zwischen den ersten Geigen auf der linken und den zweiten Geigen auf der rechten Seite führte.
Emotionalität im Trio
Ein Satz gelang in der "Eroica" schöner als der andere - vielleicht wäre dennoch der Trauermarsch hervorzuheben, dessen Dramaturgie alle Schatten- und Lichtseiten eines Heldenlebens beleuchtete. Schade, dass sich ausgerechnet hier leichte Unstimmigkeiten in das Zusammenspiel einschlichen.
Beethovens dritte Sinfonie ließ vergessen, dass dieses Sinfoniekonzert auch vor der Pause schon einiges zu bieten hatte: Da entfaltete das Storioni-Trio aus Amsterdam ein zu Beginn etwas akademisch komponiertes Concertino für Klaviertrio und Streicher von Bohuslav Martinu (1890-1959) am Ende zu großer Emotionalität. Um in der Zugabe mit einem Satz aus Dvoráks "Dumky"-Trio das eigentliche Werk beinahe auszustechen.
Ganz am Anfang die Reverenz an einen Jubilar und Meister des Hauses: Das Sinfonische Vorspiel von Heinz Röttger aus dem Jahr 1936, der von 1954 bis zu seinem Tod 1977 Generalmusikdirektor am Anhaltischen Theater war. Das zwischen Bruckner, Strauss, neuer Sachlichkeit und Hollywood-Sound virtuos changierende Stück machte Lust auf mehr Röttger. Der sich, so wie das Publikum, über diesen Abend ebenso wie auf die nächsten Sinfoniekonzerte am Anhaltischen Theater gefreut hätte.
Das Konzert wird am Dienstagabend, 20 Uhr, auf Deutschlandradio Kultur und am 23. November (ebenfalls 20 Uhr) auf MDR Figaro noch einmal gesendet.