3. Sinfoniekonzert

Johannes Killyen, Mitteldeutsche Zeitung, 22.11.2011

Träumendes Wasser und emotionaler Furor
SINFONIEKONZERT Fantastischer Beitrag der Philharmonie zum Impuls-Festival.
Sie geht einem nicht aus dem Kopf, auch Tage und Nächte danach. Dabei ist die Melodie niemals gleich: Zart und rein, wenn die Geigen sie spielen. Dann eine Lichtgestalt im Trubel der rauschenden Ballnacht - bald darauf nur noch eine klagende Erinnerung des Englischhorns auf kahlem Feld. Vom Wahnsinn getrieben begleitet sie uns zum Richtplatz und grinst uns schließlich an als schrille Klarinetten-Fratze auf dem Hexensabbat. Sie schenkt Jubel und Verzweiflung zugleich - sie ist eine fixe Idee.
Verzweifelte Liebe
1832, im zarten Alter von 27 Jahren, hat der Franzose Hector Berlioz seine „Symphonie Fantastique" komponiert, aus mehreren Gründen ein revolutionäres Werk. Einer davon: Erstmals in der Musikgeschichte macht hier ein Komponist seine eigenen Erlebnisse zum Inhalt einer Sinfonie. Dabei geht es - natürlich - um die große, verzweifelte Liebe eines romantischen Künstlers, der die Frau seiner (Opium-)Träume in Töne fasst: eine musikalische „idée fixe", so lautet seine eigene Bezeichnung.
Die „Symphonie Fantastique" ist Legende und doch viel zu selten im Konzertsaal zu hören. Ein Werk der Avantgarde aus dem 19. Jahrhundert, das deshalb gut zum „ImpulsFestival" für zeitgenössische Musik passte, in dessen Rahmen sich das dritte Sinfoniekonzert der Anhaltischen Philharmonie einzeichnete. Ganz besonders konnte das Orchester an diesem Abend die Stärken ausspielen, die es sich unter Leitung von Generalmusikdirektor Antony Hermus in den vergangenen zwei Jahren erarbeitet hat: klangliche Geschlossenheit, Präzision und Farbigkeit. Berlioz ist nämlich nicht nur ein Pionier der Programmmusik, sondern so etwas wie der Gottvater der Instrumentationskunst.
Freilich gerät die Fülle der Berlioz'schen Klangexperimente leicht auch in den Verdacht der Effekthascherei. Vielleicht vermied Antony Hermus deshalb anfangs allzu große Extreme und jähe Wendungen, wie man sie von manchen Aufnahmen kennt. Doch als Meister der Dramaturgie hatte er den großen Auftritt für die beiden Schlusssätze vorbehalten, deren diabolische Klanggewalt vollkommen ausreichte, um die Zuhörer mit emotionalem Furor zu erfüllen.
Übrigens ging es in diesem Sinfoniekonzert thematisch um Träume, denen die Musik als subjektivste aller Künste naturgemäß eine geeignete Projektionsfläche bietet. Das gilt auch für Claude Debussys impressionistisches „Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns" (Prélude à l'apres-midi d'un faune), das der „Symphonie Fantastique" an Finesse nicht nachsteht, aber statt eines programmatischen Horrortrips die erotischen Träume des Fruchtbarkeitsgottes sanft entfaltet. Herrlich, wie die Philharmoniker dieses Kleinod hinhauchten.
Stimme für das Wasser
Dennoch hatten auch die wirklich zeitgenössischen Werke des Abends keine Mühe, sich im Programm zu behaupten - vor allem das stimmungsvolle Flötenkonzert „I hear the water dreaming" (1987) des Japaner Toru Takemitsu, das ebenso wie viele Werke Debussys eine geheimnisvolle, für den Menschen unverfügbare Natur beschreibt - zauberhaft und zugleich beängstigend. Andrea Lieberknecht lieh als Solistin dem Wasser in seinem endlosen Fluss eine beeindruckende Stimme.
Ein „Traum“-hafter Abend also, mit Abstrichen beim ersten von zwei Blechbläser-Signalen von Takemitsu, dem es an Homogenität mangelte. Über den - wie von Berlioz vorgesehen - alptraumhaften Schluss seiner „Symphonie Fantastique" im Hexensabbat half zum Glück der Blick in die historische Realität hinweg: Ein Jahr nach der Uraufführung heiratete der Komponist die Frau, die der Auslöser für seine musikalische Leidensgeschichte gewesen war.

„Tagträume – Nachtgespinste“

Toru Takemitsu: Signals from Heaven I, Day-Signal Anhören via youtube
Claude Debussy: Prélude à l’après-midi d’un faune Anhören via youtube
Toru Takemitsu: „I hear the water dreaming“ für Flöte und Orchester
Toru Takemitsu: Signals from Heaven II, Night-Signal
Hector Berlioz: Symphonie fantastique op. 14 Anhören via youtube
Dirigent: Antony Hermus; Solistin: Andrea Lieberknecht, Flöte

Nachdem sich die Anhaltische Philharmonie 2010 mit dem erfolgreichen Planeten-Konzert „All-Gegenwart“ am IMPULS-Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt beteiligt hat, gibt es 2011 eine Fortsetzung der Zusammenarbeit unter dem Motto „Zwischen Nacht und Traum“. Träume gelten als Spiegel der Seele. Sie rufen innere Bilder und imaginäre Welten hervor. Auch als Bilder des inneren Auges werden sie oft bezeichnet. Fantasievorstellungen und Imaginationen kommen in Tagträumen wie auch in den nächtlichen Bildern aus dem Reich des Unbewussten vor. Mit Toru Takemitsus „Day-Signal“ wird der Tag wachgerufen und verleitet in Debussys „Nachmittag eines Fauns“ zu einem Tagtraum, der die erotischen Stimmungen im Zustand des Dämmerns beschwört, bevor Takemitsu mit seinem poetischen und an Debussy orientierten „I hear the water dreaming“ zu einem sehr kontemplativen Traum einlädt. Mit dem „Night-Signal“ des Japaners Takemitsu beginnt ein ganz anderer, ein nächtlicher Traum, der in den fünf Sätzen der berühmten „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz alle Facetten des Unbewussten lebendig werden lässt. Schwärmerei, Leidenschaft, Glück, Rausch, Zweifel und ein todesähnlicher Schlaf führen zum finalen Hexensabbat mit Totenglocken, der in einer höllischen Orgie endet. Eine Reise zwischen Nacht und Traum ins Reich der Fantasie! (Quelle: IMPULS-Festival)