"Alter Ford Escort Dunkelblau" hatte am Theater Dessau Premiere
Diese Autofahrt führt nicht in eine neue Zukunft
Gut 30 in der Breite und maximal 12 in der Höhe aufgestapelte Getränkekästen bilden eine Wand, füllen die ganze Bühne im Studio des Alten Theaters Dessau aus. Sie sind auch einziges Requisit für "Alter Ford Escort Dunkelblau". Das Stück des Hallenser Autors Dirk Laucke hatte am Freitagabend in der Regie von Christoph Sommerfeld seine mit viel Beifall aufgenommene Premiere.
Die Getränkekästen stehen für Reales und Imaginäres zugleich. Sie sind auch Bausteine für ein verwandelbares szenenspezifisches Bühnenbild (Ausstattung Sophie du Vinage). Schorse und Boxer arbeiten in einem Getränkemarkt. Sie wurden durch eine Zeitarbeitsfirma vermittelt. Der Dritte im Bunde ist Paul, der Sohn des Getränkemarktbesitzers. Gemeinsam fahren sie mit Schorses altem und auch maroden Ford Escort dunkelblau zur Arbeit.
Ganz unterschiedlich im Charakter, ganz verschieden in ihren persönlichen Geschichten eint sie die Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen unterbezahlten und stupiden Job. Die Inszenierung des aus Magdeburg stammenden Christoph Sommerfeld, zugleich seine Diplomarbeit, lässt den Zuschauer jedoch recht schnell erkennen, dass es mehr ist: Die drei Typen sind mit ihrem bisherigen Leben total unzufrieden.
Das Dramatische, im Stück im Mansfelder Land angesiedelt, ist eine fast greifbare Desillusion, die Ausweglosigkeit. Die gewaltige Getränkekästenwand könnte symbolhaft als ein Gefängnis, eine Grenze zu einem erfüllterem Leben gedeutet werden. Wie kann man da ausbrechen?
Die einzelnen Szenen lässt Christoph Sommerfeld durch in den Raum gerufene Stichworte wie "Auto", "Tanke", "Karins Wohnung" räumlich determinieren. Ein paar schnell umgestapelte Kisten werden Spielversatzstücke. Dabei lernt das Publikum in teils lautstarken, spielintensiven Monologen oder Dialogen Einblicke in die doch letztendlich prekären Lebensverhältnisse kennen, mit inhaltlich deutlicher ausdrucksstarker Sprache. Die Inszenierung entbehrt nicht des Humors einer emotional wirkenden Verknüpfung von Komischem und Tragischem.
Paul (mit sensiblem Spiel Jan Kersjes) würde gern Abitur machen, weiterkommen. Doch der Vater ist der Meinung, dass sein Sohn den Getränkemarkt später auch ohne Abitur führen kann.Schorse (Sebastian Müller-Stahl), ein ausgemachter AC/DC-Fan, hat Ärger mit Ehefrau Karin (Susanne Hessel), darf seinen Sohn nicht mehr sehen. Der denkt, dass sein Vater arbeitslos ist. Boxer (Matthieu Svetchine), obwohl er etwas angespartes Geld besitzt, ist von der Leere seines Lebens genervt. Fast nebenbei erfahren seine Mitstreiter, dass sich seine Mutter vor Jahren vom Balkon gestürzt hat.
Ob die drei, mit Karin vier, sich einander verstehen, bleibt eigentlich offen. Doch noch einmal keimt eine spontane Vision auf. Sie wollen aus der Tristheit ausbrechen, eine Fahrt mit dem Ford Escort nach Legoland unternehmen. Für Boxer werden Kindheitserinnerungen wach. Schorse könnte seinem Sohn etwas Tolles bieten. Der wird quasi entführt, wird in den Kofferraum verfrachtet, kommt fast zu Tode. Paul muss von Boxer allerdings mit einer zerbrochenen Bierflasche zum Einsteigen "gebeten" werden. Wenn die Fahrt klappen sollte, wenn sie dann vorbei ist - was wird dann anders sein? Offene Fragen, die auch am Schluss bleiben. Mittendrin geht erst mal das Licht aus. Eine überraschende Regieidee zum Nachdenken, soll doch Ausweglosigkeit symbolisiert werden? "Kurzschluss, ungeplant!", so der Ruf vom Regiepult. Das Spiel geht weiter, nicht die Abenteuerfahrt. Der "Alte Ford Escort Dunkelblau" gibt seinen (Auspuff)-Geist auf. Alles ist wieder beim Alten. Mit einem bisschen Happy End: Karin und Schorse finden nochmals in Liebe zueinander.
Verzweiflung pur und keine Revolution in Sicht
Sie stolpern mehr durchs Leben, als dass sie es führen. Wie soll man im Mansfelder Land zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch seinen Weg finden, mit nur vier Mitbewohnern im gesamten Wohnblock? Wie seinen Kindern etwas bieten? Schorse (Sebastian Müller-Stahl) und Boxer (Matthieu Svetchine) sind Zeitarbeiter in einem Getränkelager und wollen eigentlich nur wegziehen. Zusammen mit dem Azubi Paul (Jan Kersjes) sind sie mangels Perspektiven allesamt abhängig von dessen Vaters Gnaden.
Bejubelte Premiere
Am Freitagabend feierte das Stück "Alter Ford Escort dunkelblau" des gebürtigen Schkeuditzers Dirk Laucke (Jahrgang 1982) im Alten Theater Dessau in der Regie von Christoph Sommerfeldt und Andrea Moses seine bejubelte Premiere. Mehr als 100 Bierkästen aller Sorten und Farben stapeln sich auf der Studiobühne. Ausstatterin Sophie du Vinage schafft damit einen Raum, den jeder aus seinem Konsumentenalltag kennt, aber den wohl die wenigsten schon einmal unter den Vorzeichen eines komplexen Gefühlsreaktors betrachtet haben.
Hier bringt jeder der drei Männer seine eigenen Probleme in die Figurenkonstellation ein, die Figuren prallen in verschieden heftig ausfallenden Ausbrüchen immer wieder aufeinander. Der zottelige Plüschtiger, der einst das kuschelige Familiensofa von Schorse, seiner Frau (Susanne Hessel) und ihrem gemeinsamen Sohn zierte, sitzt nun quasi über allen Dingen. Das Leben passiert diesen Menschen einfach - sie haben nie gelernt, es mit ihren Möglichkeiten zu gestalten. So müssen diese Haltlosen zwangsläufig zu Getriebenen werden. Sie haben sich eingerichtet in ihrer Welt - und wollen doch nichts lieber, als ihr zu entkommen. Vorläufiges Ziel: Legoland, das Kind hat Geburtstag. Weiter lässt sich erst mal nicht planen und selbst dafür reicht kaum das Geld.
Ein bisschen Klassenkampf
Die Stärke des Stückes liegt in seiner Unmittelbarkeit. Es bedient sich der Alltagssprache, bricht diese jedoch immer wieder mit Meta-Parolen des Klassenkampfes: "Zeitarbeit ist Scheiße und moderne Sklaverei!" Was soll man auch sonst zu Stundenlöhnen von weniger als fünf Euro sagen? Wäre es mal wieder Zeit für eine Revolution? Die (ökonomisch) Schwächsten einer jeden Gesellschaft haben natürlich keine Lobby - wer also kann und möchte ihre Interessen vertreten? Die Inszenierung spürt diesen Fragen nach, indem sie die Zuschauer ganz dicht an ihre Akteure heranlässt. Ohne technische Spielereien kommt sie aus, gestützt nur von wenigen Lichtwechseln und ein bisschen ACDC-Konserve aus dem Ghettoblaster. Ansonsten liegt die Konzentration ganz auf den Akteuren.
Und die wissen an diesem Abend genau was sie tun. So wird Glaubhaftigkeit erzeugt, die der Situation selbst innewohnt, die nicht erst künstlich geschaffen werden muss. Weil wir ihnen aber alles glauben, die hilflose Verzweiflung wie die Hoffnung auf das kurze Glück, müssen wir oft mit ihnen und über sie lachen.
Denn wenn alles schon schlimm genug ist, kommt es bei Laucke immer noch schlimmer. Am Ende des Trips in Richtung Dänemark schreit das Kind erstmalig nach seinem Vater. Doch zumindest diese kleine Familie ist wohl nicht mehr zu retten.