Karl Friedrich Ulrichs, Mitteldeutsche Zeitung, 23.03.2012
Fürstliche Liebe am Faden
Uta Krieg-Parthier und Hartmut Parthier zeigen im "Eichenkranz" von Wörlitz mit „Anna-Liese von Dessau" Puppentheaterkunst auf höchstem Niveau.
Boy meets girls, Leopold trifft Anna-Liese. Zur feschen und frechen Bürgerstochter zieht es den Fürstensohn gleich täglich. Da kann es nicht ausbleiben: Aus der Spielkameradin unschuldiger Kindertage wird die Geliebte - eine Mesalliance, die die standesbewusste Fürstin auf der einen und der Vater, ein frömmelnder Apotheker, auf der anderen Seite zu verhindern suchen.
Alle Figuren dieses Spiels, das am Donnerstag als Marionettenspiel in Wörlitz Premiere hatte, sind gefangen in Konventionen, die die Liebe, bekanntlich ein unordentliches Gefühl, gefährdet. Die setzt sich dann doch durch, indem die bei den jungen Liebenden ihre Rollen nur allzu gut einnehmen:
Auf Drängen ihres fürstlicherseits eingeschüchterten Vaters entsagt die junge Frau der unziemlichen Liebe, weil Kinder aus dieser Beziehung nicht erbfolgeberechtigt wären und damit das Haus Anhalt an sein unrühmliches Ende käme; dieser selbstaufopfernde Verzicht auf erfüllte Liebe aus Loyalität zum Fürstenhaus stimmt die Fürstin um, zumal ihr Sohn, ein „Eisenkopf", von seiner Kavalliersreise nach Italien als willenstarker Soldat mit erstem militärischen Lorbeer zurückkehrt und als rechter Kerl sich von der Frau Mama die Liebe zu seiner Anna-Liese nicht verbieten lässt.
Durchschaute Fälschung
Davor aber liegt die Intrige, für die die Fürstin den Hofmarschall Saalberg einsetzt, ein Hofschranzenurvieh, dem man nicht zuletzt des gemütvollen Sächselns wegen eigentlich kaum etwas übel nehmen mag, nicht einmal sein Verdikt, Anna Liese sei „imberdinent" - und doch: durchgetrieben, wie er der armen „Jungfer" einen natürlich gefälschten Brief Leopolds aus Italien vorliest, wonach diesem dorr eine adelige Dame namens Adelgunde - ein herrlich idiotischer Name für eine vermeintliche Nebenbuhlerin! - über den Weg gelaufen sei, die er zu ehelichen gedenke. Nur gut, dass ein echter Brief ihres treuen Leo Anna-Liese schon zuvor erreicht hat und sie die Fälschung durchschaut.
Diese alt-neue Geschichte wurde am Donnerstag, dem 335. Geburtstag der Fürsten liebe und späteren Fürstin Anna-Liese, im ausverkauften historischen Gasthof „Zum Eichenkranz" in Szene gesetzt vom Dessauer Puppenspielerpaar Parthier. Uta Krieg-Parthier adaptierte ein Schauspiel und ein Operetten libretto aus dem 19. Jahrhundert für dieses berührende Puppenspiel
über eine edle Liebe und schuf einen shakespearesken Text, der Historienspiel und Tragikomödie vereint und dem Durcheinander Leichtigkeit verleiht, nicht zuletzt durch hübsche Sprachspiele. Da wird im Munde des französischen Erziehers aus Dessau schon einmal rasch Dessous. Die Puppenspieler zeigten die Charaktere überaus gekonnt: Die resolute Fürstin schritt mit komisch-energischen Schritten, trommelte genervt mit den Fingern auf den Tisch, der überforderte Hofmarschall zeigte ratlose kleine Kopfbewegungen und hilflose große Gesten, eindrücklich gespielt werden Leopolds Metamorphose vom Muttersöhnchen zum Kerl und Anna-Lieses Sturz in die Verzweiflung. Puppentheaterkunst auf höchsten Niveau!
Schöner Abend
Das von Martha Irene Leps detailreich ausgestattete Puppenspiel wurde als Theater im Theater gespielt als historisches Jahrmarkttheater mit den beiden Puppenspielern in historisierendem Kostüm. Und zu guter Letzt machte in Begleitung einiger prächtig gekleideter Hofdamen der Alle Dessauer seiner Anna-Liese leibhaftig die Honneurs. Ein schöner Abend anhaltischer Liebe!
Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 27.03.2012
Mägdelein aus der Apotheke
So, oder anders leben wir: "Des Morgens bei dem Branntewein, des Mittags bei dem Bier, des Abends bei den Mägdelein im Nachtquartier", oder eben doch beim Augapfel in der Hofapotheke, bis auch diese Schlacht geschlagen ist: "Zur Kirche. Im Gleichschritt. Marsch!"
Mit diesem Befehl des Soldatenfürsten Leopold I. von Anhalt-Dessau endet "Anna-Liese von Dessau", ein Marionettenspiel von Uta Krieg nach dem Schauspiel von Hermann Hersch unter Verwendung des nahezu gleichnamigen Operettenlibrettos von Richard Keßler. Im "Großen Gashof" des Fürsten Franz, im "Eichenkranz" zu Wörlitz fand das Stück zur Premiere am Donnerstag und weiteren Aufführungen am Wochenende einen stimmigen Platz. Projektträger war der "Verein zur Förderung der Stadtkultur Dessau e.V.", Anlass der Aufführung das Anhalt-Jubiläum.
Die Tochter des Hofapothekers Gottlieb Föhse, Anna Luise Föhse, war seit Kindertagen Spielgefährtin des jungen Alten Dessauers, geduldet von dessen fürstlicher Mutter Henriette Catharina von Anhalt-Dessau. Offensichtlich übte die bürgerliche Spielkameradin einen guten Einfluss auf das Temperament des jungen Prinzen aus. Das "Damen Conversations Lexikon" von 1836 lobt noch den Einfluss der späteren Fürstin auf die "oft in schreckliche Wut ausartende Heftigkeit" des Fürsten. Vorerst aber wurde aus dem Spiel Ernst, was zur Folge hatte, dass mit der Erbfolge der Bestand des Fürstentums ins Wanken geriet. Hier setzten die väterlich bürgerlichen, sowie die mütterlich landesherrlichen Sorgen und mit ihnen das Marionettenspiel ein.
Henriette Catharina, in Vormundschaft für ihren Sohn regierend, verordnete eine Reise, hoffend, dass Entfernung auch Vergessen bringe. Kleine Intrigen werden nun auf der Bühne gesponnen, ein falscher Brief geschrieben, der von einer falschen Verlobung des Fürsten berichtet. Doch aufseiten der Liebenden wird Standhaftigkeit exerziert. Erst als der Vater seiner Tochter Staatsräson ins Gewissen pflanzt, stimmt Anna Luise einem Rückzug zu, worauf Leopold alle Bedenken sogleich zerschlägt. "Im Gleichschritt. Marsch!"
Kurz nach dem Regierungsantritt Leopolds 1768 wurde geheiratet. 92 000 Taler kostete drei Jahre später die Erhebung der Apothekertochter zur Reichsfürstin. Es soll eine gute Ehe gewesen sein. Leopold zeugte zehn legitimierte Kinder und nur zwei nebenher. Auf der Bühne wird die Geschichte zu einem kleinen gutherzigen Ränkespiel. Ein wenig adlig und burlesk zugleich trifft gestelzte höfische Förmlichkeit auf den tölpeligen Jargon des Jahrmarktes mit Drehorgelcharme. Die Sprache zeigt sich direkt und burschikos oder kokettiert, wenn in wahrer Liebe gehobene Emotionen verhandelt werden, mit der gehobenen literarischen Stilebene. Contenance zeigt auch die offenbar protestantisch gesinnte Bühne, ein Apothekerschrank hier, ein Thron dort und schwere hölzerne Vorhänge mit Lausch- und Klappaugen, die dem französelnden Hofmeister Chalisac und dem sächselnden Hofmarschall Salberg gehören.
Die Puppen sind liebreizend kostümiert, Charakterköpfe allesamt. Der Föhse erscheint leidend dünn mit betend ordiniertem Gesichtsausdruck. Dem entsprechend verfällt er zum Abgang immer in einen wimmernd liturgischen Ton. Gott wird es richten, oder aber Leopold. Zu den Marionetten aus der Werkstatt Weinhold gesellen sich konziliante Stellvertreter, Flachfiguren der Zerbster Künstlerin Martha Irene Leps. Schließlich haben Uta Krieg und Helmut Parthier nur vier Hände, welche die Marionetten unaufgeregt flüssig führen. In toto ein nettes Ding, welches die Geschichte unwirsch und liebevoll zugleich repetiert.
Noch einmal das "Damen Conversations Lexikon", Band 6: "Leopold erblickte nämlich im Vorübergehen Luisen mit einem ihrer Verwandten, einem jungen Arzte, in einer ihm traulich scheinenden Stellung am Fenster stehen. Dieser Anblick reizte seine Eifersucht bis zur Wut. Mit gezogenem Degen stürzte er in das Haus, drang auf den jungen Mann ein, der durch mehrere Zimmer zu entfliehen suchte, aber von ihm ereilt, und niedergestochen wurde." Die kleine Hinrichtung geschah vor der Hochzeit, wahrscheinlich grund- und offenbar folgenlos. "So leben wir…"