von Helmut Rohm
Auf dem Blatt eines großen Abreißkalenders steht: „12. Juni 1942“. Zwischen großformatigen Bildern über die Nazidiktatur und den Holocaust an den Ausstellungswänden fallen Fotos auf, die ein junges, dunkelhaariges Mädchen zeigen. Ein Bild, das weltweit bekannt ist: Anne
Frank. Ihr Schicksal und das ihrer jüdischen Familie kennt die Welt. Ihr Tagebuch aus den Jahren des Verstecks vor den Nazis bewegt die Menschen.
Generalintendant André Bücker hat die Monooper „Das Tagebuch der Anne Frank“ am Anhaltischen Theater Dessau inszeniert.
Es gibt über Anne Frank zahlreiche Literaturveröffentlichungen, Bühnenwerke und andere Ver- und Bearbeitungen. In engster Anlehnung an den Originaltext komponierte der russische Komponist Grigori Frid (geb. 1915) die 1969 uraufgeführte Monooper. Das Dessauer Publikum erlebt die Klavierfassung mit der Sopranistin Cornelia Marschall und Stefan Neubert am Flügel.
André Bücker spannt einen dramatischen Bogen vom Damals zum Heute. Ins Zentrum stellt er das Tagebuch selbst. Symbolisch als Objekt in einer Art Schrein. Die „Handlung“ manifestiert sich in Anne Frank, deren Gedanken, ihren Erlebnissen.
Eine Betrachterin von Heute schaut sich die Bilder und Dokumente an, liest im veröffentlichten Tagebuch. Beeindruckt und gefesselt versetzt sie sich in die junge, 13-jährige Anne, lebt und fühlt wie sie, wird selbst zu Anne Frank.
Der Zuschauer ist mittendrin. Cornelia Marschalls variabler Gesang mit stets bestem Textverständnis und vor allem ihr situativ stimmiges Spiel lässt den Zuschauer nachdrücklich
teilhaben am Wechselspiel der Hoffnungen und Ängste, an Freude und Verzweiflung, an Träumen und Konflikten der jungen Anne Frank. Die Musik von Frid in einer bewegenden Bandbreite von stiller Epik bis aufrüttelnder Dramatik wird von Stefan Neubert gefühlvoll und hochkonzentriert in bewundernswerter Übereinstimmung mit der Darstellerin ausdrucksstark
interpretiert.
In 21 Episoden – knappen Bildern und kurzen, prägenden Augenblicken des Lebens dieser
kurzen Zeit – wird die Tragik des Erlebten der Anne Frank zwischen Kindsein und Erwachsenwerden für den Zuschauer selbst erlebbar, geht nahe. Die Darstellerin wird am Ende der einstündigen Oper wieder zur Betrachterin, ist im Heute. In einer Zeit, in der die Realität des Rechtsradikalismus, des Rassismus, der Gewalt gegenwärtig ist. Bückers Inszenierung macht darauf nachdrücklich aufmerksam – fordert geradezu auf zum Nachdenken und zum Handeln gegen diese reale Gefahr. Mitten unter uns. Als der leise Schlusston im Studio des Anhaltischen Theaters Dessau im Kulturzentrum „Altes Theater“ verklungen ist, dauert es bei der Premiere eine geraume Zeit des Betroffen-, wohl auch Ergriffenseins, ehe diese denkwürdige Inszenierung mit viel Beifall bedacht wurde.
André Bücker inszeniert im Alten Theater die Mono-Oper «Das Leben der Anne Frank»
VON ANDREAS HILLGER
DESSAU/MZ. Rechts zeigt ein Abreißkalender den Tag ihres 13. Geburtstages, an allen Wänden hängen Fotos und Plakate, in der Mitte aber ruht in einer blau glühenden Vitrine ihr Vermächtnis - das Tagebuch der Anne Frank. Wäre da nicht ein Fenster, das an den Dachboden im Hinterhaus der Prinsengracht Nummer 263 gemahnt - man könnte meinen, man wäre in einem Museum für die Amsterdamer Jüdin gefangen, deren Schicksal längst zum Synonym für den Holocaust geworden ist. Und tatsächlich ist die junge Frau, die hier noch einmal die berühmten Texte memoriert, nicht nur eine historische Gestalt, sondern auch ein Mensch der Gegenwart. Alles andere, das weiß man nach diesem Abend, wäre pietätlose Anmaßung.
Wie konnte man "Das Tagebuch der Anne Frank" nur all die Jahre im Gestus einer nachträglich betroffenen Schreckstarre darstellen, der ein politisch korrektes Kritik-Verbot eingeschrieben war? Was Generalintendant André Bücker mit der ideal besetzten Cornelia Marschall und dem kongenialen Pianisten Stefan Neubert jetzt aus Grigori Frids Mono-Oper herausgelesen hat, straft all diese Interpretationen Lügen. Denn die Inszenierung im Alten Theater denkt die Rezeptionsgeschichte immer mit: Anne Frank geht hier durch einen Erinnerungsraum, der nationalsozialistische Propaganda unmittelbar mit den Zeugnissen der Shoa konfrontiert. Da hängen Werbeplakate von Gestapo und Hitlerjugend neben den Bildern des Mädchens mit dem schwarzen Haar, das so fröhlich und offen in die Kamera blickt. Und da hängt eine Textpassage aus dem Tagebuch neben den Fotos von Massengräbern und vom Schienenstrang zur Gaskammer, während sich auf dem Boden Exemplare des millionenfach vervielfältigten Tagebuchs finden.
Das ist die unterschwellig mitlaufende Botschaft dieses kleinen, großen Abends in der Ausstattung von Katja Schröpfer: Anne Franks Leben, das sich nur von ihrem Tod im Konzentrationslager Bergen-Belsen her begreifen lässt, ist unwiederbringlich seiner Privatheit beraubt worden. Dass das junge Mädchen dies mitgedacht hat, als es seine Memoiren für eine Veröffentlichung nach dem Krieg vorbereitete, ändert nichts an diesem Befund: Die Kinder der Täter haben ihre Reue an einem exemplarischen Opfer abgearbeitet, das Dilemma der Besinnung auf die Schuld bleibt unauflöslich. Das zeigt auch die subtile Collage aus Licht, Toneinspielungen und Video, die den Zuschauer nicht in die Anonymität eines abgedunkelten Auditoriums entlässt.
Über dieser ambivalenten Grundierung aber erlebt man eine Sängerin, die viele Farben und Gesichter in sich vereint: Cornelia Marschall kann übermütiges Kind und erwachende Liebende sein, sie parodiert und karikiert ihre Mitmenschen oder träumt gedankenverloren unter dem Fensterhimmel. Dass Stefan Neubert sie beruhigend und alarmierend, aber nie nur illustrierend durch diesen stimmlich wie darstellerisch bravourös gemeisterten Kraftakt begleitet, ohne dass sie Sichtkontakt hätten, ist bewundernswert. Am Ende aber, nachdem der Abreißkalender unabänderlich auf den 1. August 1944 - den Tag der letzten Eintragung - fixiert ist, nimmt Anne im Publikum Platz. Und es dauert eine gefühlte Ewigkeit der Stille, ehe begeisterter Applaus aufbrandet.