Zum nunmehr siebten Mal öffnet Kult-Inspizient Leo Polte VIII. die Chronik seiner großen Familie und berichtet, wie Leo II. im Jahre 1872 von Richard Wagner und Eduard Thiele in den Freitod getrieben wurde. Darüber hinaus erfährt man u.a., was auch heute noch faul ist im Staate Dänemark, warum der Hamlet in nächster Zeit vermutlich von Heath Ledger verkörpert werden wird und wieso auch Matthias Reim den Selbstmord von Ophelia nicht hätte verhindern können.
Ein “überaus ernster” Abend mit Gerald Fiedler, einem Überraschungsgast und viel Musik.
Am Klavier: Stefan Neubert
Zum Geleit
Seit 1794 wird das Dessauer Theater von Männern geleitet, deren Berufsbezeichnung mit I beginnt – und das waren und sind nicht die jeweiligen Intendanten, sondern vielmehr die Vertreter einer legendären Inspizientendynastie. Beginnend mit Leo Polte I., dem Gründungsvater des Hauses, der bis in das Jahr 1852 amtierte, wurden die Schalthebel der Macht, die sich, wie jeder Kenner weiß, am Inspizientenpult befinden, immer in die Hände des ältesten Sohnes weiter gegeben – und liegen daher derzeit in denen von Leo Polte VIII. Dabei beschränkte und beschränkt sich die Herrschaft der jeweiligen Polteschen Familienoberhäupter keineswegs darauf, Licht- und Tonwechsel sowie Umbauten und Vorhangfahrten anzusagen - die Tasten und Hebel des Inspizientenpultes waren und sind vielmehr nur die Insignien einer Macht, die selbstverständlich viel weiter reicht und deren Ursprünge im Siebenjährigen Krieg liegen. Wie jeder Kenner der Geschichte des Hauses Anhalt weiß, nahm an diesem Krieg auch Herzog Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, den leuchtenden Beispielen seines legendären Großvaters und seines viel zu früh von uns gegangenen Vaters folgend, teil – und genau an dieser Stelle beginnt die Geschichte der Familie Polte.
Erklärung
Von Leo Polte I. bis zu meinem Vater Leo Polte VII. ist noch jeder Leiter dieses Theaters freiwillig aus dem Leben geschieden. Die Gründe dafür sind mannigfach, aber niemals, das müssen Sie, verehrte Leser, mir glauben, war es eine Flucht aus der immensen Verantwortung, die unsere Familie trägt. Häufig geschah es aus Protest – sei er künstlerisch oder politisch motiviert gewesen. Ein Akt des passiven Widerstandes also, ein Aufschrei, ein Zeichen, ein Fanal. - Begünstigt wurden diese Freitode natürlich durch den Umstand, dass meine Ahnen ihre ungeheure Last ohne das Wissen der Öffentlichkeit trugen, weil in den Augen der Welt ganz andere dieses Theater leiteten. Doch während diese Strohpuppen und Alibifiguren unter den Zerstörungen oder Fehlschlägen dieses Hauses nur dem Anschein nach litten, brachen sie meinen Vätern buchstäblich das Herz. Ich werde jedes dieser gebrochenen Herzen auf den Seiten dieser Chronik in Ihr Gedächtnis rufen, Freunde des Hauses. – Und so stolz ich auf diese Ahnentafel auch bin – ich will mich ihrer zumindest in einem Punkt als unwürdig erweisen, indem ich, zumindest derzeit, entschlossen bin, eines natürlichen Todes zu sterben.
Ihr Leo Polte VIII.Ergänzung
Ich bin wankend geworden in diesem Entschluss. Sollte die Schließung, die über diesem unserem traditionsreichen Haus nunmehr wie ein Damoklesschwert schwebt, in zwei Jahren tatsächlich erfolgen, wird es auch für mich selbstverständlich keinen anderen Weg als den in den Freitod geben. Und dann würde mit der dann 218-jährigen Geschichte dieses Hauses auch die dann 244-jährige Geschichte unserer Dynastie enden, denn selbstverständlich würden mich meine Frau und Leo IX., den ich gerade zum Theaterleiter ausbilde und der über sehr vielversprechende Anlagen verfügt, auf diesem dann unvermeidlichen Wege begleiten. Die zuständigen Stellen müssen sich selbst fragen, ob sie das verantworten möchten.
L.P.VIII. im Nov. 2009 ff.
Leo Polte I. (1758 – 1852)
Kapitel 1: 1758 - 1794
Es geschah in einer Gefechtspause der Schlacht bei Kolin, dass der junge Fürst Leopold den Reizen einer attraktiven Marketenderin erlag und mit ihr das erste seiner zahlreichen unehelichen Kinder zeugte, nämlich den Stammvater unserer Dynastie. Er kam 1758 zur Welt und gab sich ab 1776 in Anlehnung an seinen berühmten Vater den Künstlernamen Leo Polte. Er war da längst ein fahrender Schauspieler mit zugegeben mittelmäßiger Begabung, in dessen beeindruckendem Haupt dennoch Großes heranreifte. Nach einem desaströsen Auftritt als Sarastro Ende der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts in Torgau, dessen Peinlichkeit ihm freilich lediglich selbst bewusst war, entschied sich unser Stammvater, die Bühne für immer zu verlassen und fortan hinter den Kulissen zu wirken. Und so übernahm er sowohl die administrative, als auch die pekuniäre und die künstlerische Leitung jener fahrenden Truppe, zu der er gehörte; er wurde Intendant, Schauspiel-, Opern-, Generalmusik-, Ballett- und Verwaltungs-Direktor in einem und erfand zugleich den Beruf des Inspizienten. Ohne ihn ging fortan überhaupt nichts mehr.
Als seine Truppe im Jahre 1794 unter großer Beachtung und dem Gejohle der Gassenjungen in Dessau einzog, war die Wiedersehensfreude von Vater und Sohn natürlich ganz außerordentlich. Der Fürst überhäufte ihn mit Küssen, Ehren und Gunstbeweisen; und er lud ihn ein, mit seinen Komödianten in Dessau zu bleiben, so lange er nur möge. Und diese Einladung nahm nicht nur unser Stammvater, sondern auch alle seine Nachfahren dankend an – so dass wir von diesem Tage an hier geblieben sind, während ganze Heerscharen von Komödianten und vermeintlichen Intendanten längst über alle Berge und vor allem durch viele Täler sind.
Doch mit dieser herzlichen Einladung des Fürsten war eine dringende Bitte verknüpft: um die Protektion seines illegitimen Sohnes nicht allzu öffentlich zu machen, bat Leopold der III. meinen Ur-ur-ur-ur-ur-Großvater, pro forma ein anderes Mitglied der Truppe mit der offiziellen Leitung zu betrauen – und Leo I. griff sich den ihm nächst stehenden Komödianten, einen gewissen Bossann, und ernannte ihn zur großen Erheiterung aller Umstehenden zum Prinzipal. Ich höre das Gelächter bis heute, denn natürlich wurde und wird diese köstliche Anekdote in unserer Küche seit 1794 bis heute praktisch jeden Abend erzählt und sorgt immer wieder für enorme Heiterkeit.
Die Zeiten waren damals nicht einfach – nicht umsonst hatte die Truppe unseres Stammvaters mit der Oper „Das Rothe Käppgen“ von Carl Ditters von Dittersdorf debütiert und noch zwei weitere Dittersdorf-Schinken sowie im Schauspiel zwei Kotzebues nachgeschoben: Mozart bzw. Goethe und Schiller waren noch nicht durchgesetzt und wären ohne den Wagemut und die Unerschütterlichkeit von Leo I. vermutlich niemals in Dessau zu etablieren gewesen. Wenn man damals überhaupt Mozart spielte, dann allenfalls die „Zauberflöte“.
Und zur ersten Dessauer Aufführung von eben dieser findet sich in den Tagebüchern meines Ahnen eine sehr bezeichnende Eintragung vom 11. August des Jahres 1794: „Bossann will durch Spiel ersetzen, was ihm Stimme, Kunst und Natur versagen. Er ist ein noch grässlicherer Sarastro denn ich selbst: wie er in der Hallen-Arie die tiefen Töne mit scheußlich geöffnetem Munde herausquält und doch alles auf Socken geht, damit man ihn überhaupt vernimmt, ist ein Missgriff und eine Schande. Werde ihn wohl bald zu entlassen gezwungen sein – zumal er nichts von Goethe hält.“ – Wie Sie als Freunde dieses Hauses wissen, schob mein Stammvater diese überfällige Entscheidung dann aber noch jahrelang vor sich her und entließ Bossann erst im Jahr 1798. Zu den genaueren Umständen dieser Entlassung sowie der überraschenden Rückholaktion im Jahre 1801 komme ich in den folgenden Kapiteln.Kapitel 2: 1795 – 1798
Bossanns frivole Undiszipliniertheiten, seine skandalös freizügige Behandlung der aufgeführten Stücke und Opern waren seinerzeit freilich in ganz Deutschland an der Tagesordnung. Man betrachtete die Stücke nur als ungefähres Handlungsgerüst, es wurden ganze Passagen gestrichen und neu hinzuimprovisiert, man fügte schamlos Arien aus anderen Stücken oder gar eigene Texte hinzu – so etwas ist heutzutage Gott sei Dank vollkommen undenkbar. Ausgangs des 18. Jahrhunderts aber war es gängige Praxis. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Mimen dabei auch noch auf den Publikumsgeschmack berufen konnten. So berichtete unser Stammvater von einer Hamburger Othello-Aufführung, bei der man sich leidlich an das Original gehalten hatte, woraufhin die Hälfte des Auditoriums angewidert den Saal verlassen habe, der prompt zur zweiten Aufführung am nächsten Tage nur sehr spärlich gefüllt gewesen sei. Flugs kündigte die Theaterleitung an, das Stück zur dritten Aufführung mit radikalen Änderungen zu geben, die darin bestehen würden, dass sowohl Othello als auch Desdemona am Leben bleiben und miteinander glücklich werden würden – und prompt war der Saal wieder prall mit einem zufriedenen Publikum gefüllt.
Ganz so weit ging Bossann in Dessau nicht, dennoch griff auch er immer wieder respektlos in die aufgeführten Werke ein, die anderen Schauspieler taten es ihm nach, so dass sich unser Stammvater gezwungen sah, Bossann eine Anweisung zu diktieren, die dieser dann im eigenen Namen veröffentlichte, obwohl sie an ihn selbst genauso gerichtet war wie an seine Kollegen. Leo I. schrieb bzw. ließ schreiben:
„Es ist den Schauspielern unter keinem Fürwand gestattet, dass von ihnen willkürliche Abänderungen oder Abkürzungen ganzer Scenen und Perioden in Stücken gemacht werden! Schändlich ist es, wie kleinere Rollen, die doch gewiss zur Vollkommenheit des Ganzen ebensoviel als größere Rollen beitragen, allzu oft von Schauspielern beflissentlich verdorben und zum Spott vernachlässigt werden. Es denke jeder Schauspieler immer an die Achtung, die er dem Publikum und seinen Mitschauspielern schuldig ist; er denke wie er sich selbst herabwürdigt und die Kunst zum Handwerk macht, wenn er nicht auch in kleineren Rollen zur Vollkommenheit des Ganzen mitarbeitet - und sich nicht immer allein zum Gegenstand der Vollkommenheit eines Schauspiels hat. Sollten in Zukunft dergleichen Abänderungen und Weglassungen ohne der Intendance Vorwissen und Bewilligung in den Proben bemerkt werden, so ist die Probe augenblicklich aufzuheben und der Intendance Bericht zu geben. Nachgiebigkeit und Verschweigung dieses Punktes werden mit der Strafe des doppelt zu zahlen belegt.“
Diese von meinem Urahnen angedrohte Strafe für Mitarbeiter, die undisziplinierte Mimen nicht bei der Direktion anschwärzten, war natürlich zugleich ein Versuch, die klamme Kasse ein wenig aufzubessern, denn die Truppe erhielt auch in der zweiten Spielzeit aus der fürstlichen Kasse lediglich 375 Taler pro Monat – zum Spielen zu wenig, zum Schließen zuviel. Gerade für jene Mitarbeiter, die sich dem Trunk ergeben hatten, war die Lage so katastrophal, dass Bossann sich als vermeintlicher Prinzipal gezwungen sah, im Anhalter Anzeiger die Einwohner Dessaus dazu aufzufordern, „unserem Soffleur auf meinen Namen nicht das mindeste zu borgen, denn ich stehe für nichts.“ – Natürlich könnte auch ich Sie jetzt bitten, meinem Soffleur kein Geld zu leihen, wenn er sich auf meinen Namen beruft, zumal die Gefahr, dass er das versuchen wird, durchaus vorhanden ist, da gerade Soffleure dazu neigen, sich hemmungslos zu verschulden und dann im Angesicht dieses Schuldenberges in Trübsal zu versinken und sich dem Trunk zu ergeben – aber anders als Bossann mussten und müssen Männer wie Leo I. und ich keine Anzeige in die Zeitung setzen, um dieser Gefahr zu begegnen, wir mussten und müssen nicht einmal etwas sagen, denn uns genügte und genügt dazu ein einziges Stirnrunzeln, umweht vom eisigen Atem ehrfurchtgebietender Autorität.
Und natürlich war Bossanns Fass mit dieser Anzeige für unseren Stammvater endgültig voll: als Leo I. den Fürsten dazu gedrängt hatte, endlich einen festen Theaterbau zu errichten, da die Truppe bis dahin ja noch in der fürstlichen Reitbahn gespielt hatte, legte er zugleich fest, dass Bossann nicht der Mann sei, ein solches Haus zu leiten und ließ die Stelle des Intendanten folglich neu ausschreiben. Im Jahre 1798 wurde feierlich der Grundstein gelegt – und noch im selben Jahr fand bereits die Eröffnungsvorstellung statt. Das neue Haus mit seinen immerhin schon 1.000 Plätzen galt als eines der größten und schönsten in ganz Deutschland. In jenen Jahren schossen feste Theaterhäuser im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden und so vollzog sich zugleich der theaterhistorische Übergang von der Prinzipalschaft zum intendantengeleiteten Theater – und natürlich stapelten sich auf dem Schreibtisch meines Urahnen die Bewerbungen der Intendanten, die an anderen Theatern unzufrieden waren, so dass man auch die Erfindung des Intendanten-Karussells in das Jahr 1798 datieren muss.
Die Findungskommission bestand aus Leo I. und seinem Vater, Fürst Leopold III., dessen Rolle allerdings nur darin bestand, die Entscheidung unseres Stammvaters abzunicken. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Leo I. Männer wie Iffland, Schröder oder Kotzebue nicht ausstehen konnte; denn abgesehen davon, dass er ihre Stücke für mittelmäßig hielt, waren alle drei ja sowohl Intendant als auch Autor, Regisseur und Protagonist ihrer eigenen Werke - und eine solche Machtfülle stand, wie er fand, allenfalls Männern wie ihm selbst und selbst denen nur hinter den Kulissen zu. Interessanterweise bewarb sich tatsächlich einer von ihnen, nämlich Kotzebue, für die Stelle, da er unbedingt von Wien nach Dessau wollte, was er dem Fürsten in seiner jämmerlichen und devoten Bewerbung wie folgt begründete: „Gnädiger Herr! Der Wunsch, Euer Durchlaucht zu dienen, giebt mir die Feder in die Hand. Es sind nun anderthalb Jahre, als seine Majestät der Kaiser mich hierher berief, um das Hoftheater zu leiten. Aber – Wien ist mir zu groß, zu geräuschvoll, zu ungesund; das Hoftheater ist mit alten, unheilbaren Krebsschäden behaftet und der Geschmack liegt in der Wiege. Ich glaubte an der Spitze von Künstlern zu stehen und fand nur Schreier; ich glaubte ein vernünftiges Publikum anzutreffen und fand nur Verehrer vom Kasperle. Ebenso erging es mir in meinem Privatleben. Ich war an Freundschaft gewöhnt und fand nur Geselligkeit. Ich sehne mich weg von hier.“ - Und dann schleimte der damals immerhin meistgespielte Autor Deutschlands den Fürsten voll, dass es eine Art hatte, und versicherte, dass er die Gehaltsvorstellungen jedes anderen Bewerbers locker unterbieten würde, denn: „Mein Wunsch kennt keine andere Quelle als das Verlangen, unter einem aufgeklärten Fürsten und unter guten Menschen in einem ruhigen Erdenwinkel meinem Fürsten, den Künsten und mir selbst zu leben.“ - Selbstverständlich kam Kotzebue mit dieser Bewerbung nicht einmal in die Nähe der Endauswahl.
Leo I. entschied sich vielmehr dafür, dass der Freiherr Carl August Ludwig von Lichtenstein unter ihm Intendant sein sollte, ein Mann, der von der Oper herkam, während er Bossann nicht etwa entließ, sondern nur zu einer Art Schauspieldirektor degradierte. Das Haus wurde von Lichtenstein in der Folge stärker auf das Musiktheater ausgerichtet – und eröffnet wurde das neue Theater am 26.12. des Jahres 1798 mit der Oper „Bathmendi“ aus der Feder des neuen Intendanten – und mit ihm selbst und seiner Gattin in den Hauptrollen.
Warum auch er nicht lange Gnade vor den Augen unseres Stammvaters fand und schon bald seine Freiherrlichen Koffer packen musste, lesen Sie im folgenden Kapitel.Kapitel 3: 1799 - 1813
Wenn Sie das, was Sie gleich lesen werden, in Erstaunen versetzt, so lassen Sie sich an dieser Stelle gesagt sein, dass auch die Vertreter unserer Familie von Fehlern nicht immer verschont geblieben sind. Das bezieht sich natürlich nicht auf unsere Tätigkeit am Inspizientenpult, denn hier ist in der nunmehr 216-jährigen Geschichte dieses Hauses in keinem einzigen Vorstellungsbericht ein Fehler vermerkt, den man dem Inspizienten anlasten müsste oder auch nur könnte. Wenn es, was selten genug war, zu Unregelmäßigkeiten bei den technischen Abläufen kam, so waren diese stets auf Unachtsamkeiten oder Disziplinverstöße in den Sparten Technik, Beleuchtung, Ton oder Requisite zurückzuführen. Mitunter war auch wohlmeinender Übereifer die Ursache, der freilich ebenso wenig zu entschuldigen ist und entschuldigt worden ist und entschuldigt werden wird.
Die Fehler, von denen ich sprach, unterliefen unserer Familie vielmehr in der Regel bei Personalentscheidungen – und dort leider zumeist im Bereich des leitenden Personals. Und einer dieser Fehler hieß eben Freiherr von Lichtenstein. Ich könnte nun zu unserer Entschuldigung anführen, dass es viel leichter ist, Fehler zu begehen, wenn man sich offiziell nicht für sie verantworten muss, denn vor den Zeitgenossen und der veröffentlichten Geschichtsschreibung hat schließlich Fürst Leopold III. den Freiherrn zum Intendanten ernannt und nicht etwa Leo Polte I. – aber mit einer solchen Erklärung macht man es sich zu leicht; und leicht hat man es sich in unserer Familie wahrlich niemals gemacht. Zwar durften wir zu keiner Zeit offiziell die Verantwortung übernehmen, aber wir haben sie stets empfunden – tief und schmerzlich und mitunter in Form einer schier unerträglichen Scham, die zu den zahlreichen Freitoden meiner Ahnen nicht wenig beigetragen hat. Aber ich will nicht vorgreifen.
Die Eröffnungsvorstellung des neuen Hoftheaters nahm das Dilemma der folgenden Jahre jedenfalls bereits vorweg: in der erwähnten Oper aus der Feder des neuen Intendanten wirkten nicht nur dieser selbst und seine Gattin, sondern außerdem ganze Herden dramaturgisch vollkommen überflüssiger Pferde mit. Leo I. schreibt dazu in unserer Familienchronik wörtlich: „Hat der Freiherr denn nicht begriffen, dass wir nicht mehr in der Fürstlichen Reitbahn spielen? Er treibt auf dieser großartigen Bühne mit Rössern sein Wesen – und gemeinsam mit seiner Gemahlin sein Unwesen. Jeder einzelne der Gäule ist begabter und bühnentauglicher als der Freiherr und die Freifrau zusammen. Da haben wir nun eine Bühne für Riesen und bevölkern sie mit Zwergen! Ich muss diesem Unfug fürderhin wehren!“
Aber das war natürlich leichter gesagt als getan, denn während sich Bossann den Anweisungen unseres Stammvaters zwar oft zähneknirschend, aber letztlich immer diskussionslos gefügt hatte, dachte der aristokratische Lichtenstein zunächst nicht im Traum daran, vom Bastard seines Dienstherren Anweisungen entgegenzunehmen - und trieb sein Unwesen also noch eine ganze Zeit weiter. Er richtete das finanziell inzwischen gut aufgestellte Haus fast ausschließlich auf die zeitgenössische Oper aus und vernachlässigte das Schauspiel in geradezu atemberaubender Weise. Ein Weimarer Zeitzeuge notierte dazu: „Ich habe vorige Woche eine Reise nach Dessau gemacht und das dortige Theater besucht. Das Haus ist sehr schön, die Einrichtung vorzüglich, die Bühne sehr groß. Die Oper ist gut besetzt, das Schauspiel aber schlecht. Viele Schauspieler haben von Zeit zu Zeit Erlaubnis, vier bis sechs Wochen zu reisen.“
So etwas kann ich den heute bei mir beschäftigten Schauspielern beim besten Willen nicht mehr gestatten, Freunde des Hauses. Und wenn Sie, Freunde der Oper, nichts Verwerfliches daran finden können, dass Intendant Lichtenstein das Musiktheater derart einseitig beförderte, dann sollten Sie sich vor Augen halten, dass damals nicht etwa Mozart auf dem Spielplan stand, sondern eben Lichtenstein und vergleichbare Größen. - Nach der Eröffnungsoper aus seiner Feder folgte 1799 „Die steinerne Braut“, ebenfalls von und mit ihm selbst – und abermals mit seiner unvermeidlichen Gattin. „Ach, wenn diese Braut doch wirklich aus Stein wäre!“ stoßseufzt unser Stammvater in dieser Chronik. „Aber sie ist nur hölzern, und leider auch nicht stumm. Wo soll das enden?!“ - Auf dieses zweite Machwerk des Intendanten folgten so unvergängliche und bis heute in jedem Spielplan Europas vertretene Opern wie „Die Geisterinsel“ von Johann Friedrich Reichardt, „Das Fest der Winzer“ von Friedrich Ludwig Kunzen, „Das Donauweibchen“ von Ferdinand Kauer, „Die böse Frau“ von Ignaz Walter oder „Die Rache der Else von Winter“ von Kapellmeister Franz Xaver Süßmaier - allesamt aus den beiden Spielzeiten 1799 bis 1801. Und dazwischen eine einzige einsame „Zauberflöte“, in der die Intendantengattin vermutlich die Königin der Nacht gesungen hat, auch wenn sich unsere Chronik dazu leider bzw. vermutlich glücklicherweise ausschweigt. Als ebenso glücklich muss man aus heutiger Sicht den Umstand bewerten, dass die inhaltlichen Mängel den Intendanten zu verstärkten Äußerlichkeiten zwangen, so dass die Kosten für das Orchester, die prunkvolle Ausstattung und den Hafer der mitspielenden Pferde das Theater bald an den Rand des Ruins trieben – zumal auch der Erfolg beim Publikum weitgehend ausblieb.
Ein reines Operngastspiel in Leipzig, das zum finanziellen Desaster geriet, besiegelte schließlich nach nicht einmal drei Spielzeiten das freiherrliche Schicksal. Zwar flehte Lichtenstein den Erbprinzen noch einmal um eine Erhöhung der fürstlichen Fördermittel an, doch der Halbbruder unseres Stammvaters lehnte ab – und so bat der gescheiterte Intendant im Jahre 1801 auf Anweisung Leos I. um seine Entlassung und ging nach Wien, wohin damals, wie wir von Kotzebue wissen, ja niemand sonst gehen wollte. Der Fürst und Leo I. inthronisierten nun nolens volens abermals Bossann, flankiert allerdings von Hofmarschall von Glafey, der die Finanzen verwaltete, sowie von Oberhofmeister Georg Heinrich von Berenhorst, einem unehelichen Sohn des Alten Dessauers, also einem Halb- bzw. Viertel-Großonkel meines legendären Ahnen. Diese Marionetten-Troika funktionierte unter der Führung unseres Stammvaters schließlich wie ein Schweizer Uhrwerk – und es folgte eine Blütezeit des Dessauer Theaters.
Der Spielplan wurde nun wieder ausgewogener und anspruchsvoller, und das zahlreicher werdende Publikum verließ den Saal wieder zufriedener.
Auch auf Gastspielen wurde das Ensemble bejubelt – etwa in Leipzig, wo es noch wenige Jahre zuvor bedauert oder belächelt worden war, und sich vor allem ruiniert hatte. Im Jahre 1805 wandte sich der Magistrat der Stadt Leipzig mit dem folgenden Dankschreiben, das offiziell natürlich dem Fürsten zugestellt wurde, an Leo I., dem es der Fürst ungeöffnet übergab – und der es, halb verwischt von Tränen der Rührung, in unsere Chronik einklebte: „Das hiesige kunstliebende Publikum, welches in den Aufführungen Ihrer Gesellschaft ein ebenso geschmackvolles als sittliches Vergnügen zu genießen das Glück hatte, ist von dankbaren Empfindungen gegen dessen erhabenen Urheber durchdrungen, und vermag seinen bescheidenen Wunsch, mit dem es einer Wiederholung dieser Gnade für den künftigen Winter entgegensieht, nicht zu unterdrücken.“
Da ist es fast nur eine Randnotiz, dass 1805 in einem Kotzebue-Stück in Dessau ein Schauspieler debütierte, von dem Immermann bald darauf sagte, dass er „der größte Schauspieler“ sei, „den es gibt, gegeben hat und geben wird.“ - Es handelte sich um Ludwig Devrient, der seinerzeit zwar vielleicht der beste Schauspieler der Welt, nicht aber der beste in Dessau war, und der deshalb nach einem weiteren Gastspiel in Leipzig kontraktbrüchig wurde und nach Breslau floh. Der legendäre Mime fühlte sich hier weder ausreichend gewürdigt noch ausgelastet, denn er spielte so gut wie keine Hauptrollen, sondern nur Neffen und Adjutanten. Dies geschah im Jahre 1809, als sich das Ende der kurzen Blütezeit dieses Hauses infolge der Kriegswirren bereits deutlich abzeichnete. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war, Sie wissen es, bereits 1806 zusammen gebrochen, Preußen bei Jena und Auerstädt vernichtend geschlagen – und seine Truppen hatten auf ihrer Flucht vor Napoleon die Elbbrücke bei Dessau niedergebrannt, so dass die Besucher aus Roßlau, Zerbst und Hundeluft rudern oder schwimmen mussten, wenn sie ins Theater wollten. 1810 sahen der Fürst und Leo I. sich schließlich gezwungen, das Theater zu schließen und die erste Ära des Berufstheaters in Dessau offiziell zu beenden. Allerdings gründeten Bossann und der musikalische Leiter Jacobi eine Dilettantenvereinigung, mit der sie die Theatersuppe auf kleinerer Flamme noch bis ins Jahr 1813 am Köcheln hielten – dann freilich begannen die Befreiungskriege, auch Bossan meldete sich freiwillig zum Lazarettdienst und starb schließlich am Rande der Völkerschlacht bei Leipzig an Typhus, während Leo I. das verwaiste Hoftheater mit Zähnen, Klauen und der ganzen Wucht seines beeindruckenden Leibes vor Vandalismus schützte - und dabei von besseren Zeiten träumte.
Und die Träume unseres Stammvaters sollten bald in Erfüllung gehen. Denn wo Zerstörung wütet, erhebt stets auch die Hoffnung ihr Haupt, und wo der Tod sein Unwesen treibt, da treibt auch das Leben sein Wesen – und kontert mit neuen Lebewesen: das Jahr, in dem Bossann stirbt, ist dasselbe Jahr, in dem Wagner und Verdi zur Welt kommen – die zwei am häufigsten in Dessau gespielten Komponisten.Kapitel 4: 1814 - 1849
Leo I. verpasste durch seinen Wachdienst im verwaisten Hoftheater 1815 den Wiener Kongress, auf dem Europa sich neu sortierte - und es wird immer im Dunkel unserer Familiengeschichte verborgen bleiben, was ihm in jenen beiden Jahren, die er wie ein Phantom allein im leeren Tempel der Musen verbrachte, widerfahren ist. Böse Zungen behaupten, dass er wahnsinnig geworden sei wie Lear, den er angeblich allabendlich auf der verwaisten Bühne gegeben habe; aber da er der Schauspielerei bekanntlich abgeschworen hatte, muss ich diese Behauptung ins Reich der Legenden verweisen. Fest steht indes, dass er danach nie wieder so ausgeglichen und souverän war wie vor dem Krieg; sein klarer und aufgeräumter Geist hatte sich ein wenig eingetrübt und verwirrt - dieser Wahrheit muss unsere Familie sich stellen. Er wurde jähzornig, unbeherrscht und launenhaft – was unter Theaterleitern zwar nicht unüblich ist, aber in unserer Familie dennoch als absolute Todsünde gilt. Und dass im Jahre 1817 sein geliebter Vater Leopold III. starb, dem dessen Enkel Leopold IV. nachfolgte, hat den Geisteszustand unseres Stammvaters gewiss nicht verbessert – denn wer möchte wichtige künstlerische Entscheidungen schon mit seinem eigenen Neffen besprechen?
Einzig und allein diesem Wandel seines Wesens und nicht etwa, wie andere Theaterhistoriker meinen, der herannahenden bürgerlichen Revolution und der Selbstfindung des vierten Standes, war es geschuldet, dass die Theaterleitung mitsamt Ensemble in den kommenden 25 Jahren ganze 15 mal ausgetauscht wurde. Im Dezember 1815 wurde erstmals wieder eine fahrende Truppe unter Direktor August Wilhelm Breede engagiert, der bis 1841 wie gesagt 14 weitere folgen sollten. Unser Stammvater war permanent unzufrieden und jagte eine Truppe nach der anderen aus der Stadt – und er entblödete sich nicht einmal, vollkommen abwegige Personalentscheidungen zu treffen, indem er etwa 1818 die Leitung des Theaters gar in die Hände einer Frau legte. Es muss zwischen Leo I. und dieser Josephine Walther eine leidenschaftliche Affäre gegeben haben, denn anders ist es nicht zu erklären, dass der rassigen Prinzipalin mitten in diesen unruhigen Zeiten sogar eine zweite Spielzeit vergönnt gewesen ist. Die ihr folgenden Direktoren hießen Romberg, Gerstel, Heyden-Linden, Nitschke, Eberwein, Bethmann, Miller, Atmer, Bode, Pfeifer, Böttner und Greiner – und mehr muss man nicht über sie sagen. Zwischendurch schloss unser Stammvater das Theater entnervt immer mal wieder ganz, was der Fürst, der um Leos Gemütszustand sehr besorgt war, dazu nutzte, bauliche Veränderungen vorzunehmen, indem er etwa 1822 eine Säulenvorhalle errichten und 1827 sogar eine Heizung einbauen ließ, um seinem Onkel eine Freude zu machen. Doch mein Ahn wurde immer mürrischer und verdrossener.
Die einzige Konstante bildete in jenen Jahren die Hofkapelle, die seit 1821 vom einheimischen Komponisten Friedrich Schneider geleitet wurde, der im Dessauer Musikleben völlig neue Akzente setzte, indem er unter anderem zur Belebung der Chorbewegung gemeinsam mit dem Dichter Wilhelm Müller die „Elbmusikfeste“ begründete und einen neuen Konzertsaal ins Theater bauen ließ. Bei klassischen Konzerten und geistiger Chormusik beruhigten sich die bis zum Zerreißen gespannten Nerven unseres Stammvaters ein wenig - Oper und Schauspiel indes gingen ihm nur noch auf die Ketten. Schneider holte Künstler wie Franz Liszt, Nicolo Paganini oder Wilhelmine Schröder-Devrient nach Dessau – und leider eines Tages auch Richard Wagner. Schon im Jahre 1829 hatte der 16-jährige Wagner auf einem Fußmarsch von Leipzig nach Magdeburg Dessau durchwandert – damals allerdings noch ohne bleibende Schäden anzurichten. Als er allerdings 1846 anlässlich eines Musikfestes und einer Ehrung für Hofkapellmeister Schneider zurückkehrte, begann jenes eminent schwierige Verhältnis zwischen Wagner und unserer Familie, das im Weiteren zu einer ganzen Reihe von Freitoden führen sollte.
Um es kurz zu machen: der noch junge, aber inzwischen berühmte Wagner hielt eine wohlfeile Lobrede auf seinen gestandenen Dessauer Kollegen – und log dabei, dass sich die Balken bogen. In seinen Memoiren nämlich schreibt er über denselben Anlass folgendes: „Der Kunstgenuss war von so wenig wohltätiger Bedeutung, dass er mich im Gegenteil in meinem Klassizitätshass bestärkte. Von einem Mann, dessen Physiognomie, ähnlich der eines besoffenen Satyrs, mich mit unüberwindlichem Abscheu erfüllte, hörte ich die Beethovensche C-Moll-Symphonie trotz einer unabsehbaren Reihe von Kontrabässen, mit welchen für gewöhnlich auf Musikfesten kokettiert wird, so ausdruckslos und nichtssagend aufführen, dass ich den wiederholt wahrgenommenen unbegreiflichen Abstand zwischen dem in mir lebenden Phantasiebild von diesen Werken und der gehörten lebendigen Aufführung derselben, als ein beängstigendes und abschreckendes Problem empfand, von dessen Lösung ich mich verdrossen abwandte. Diese gequälte Stimmung durch Anhören des Oratoriums „Absalon“ des „Altmeisters“ Schneider in das Burleske gezogen zu sehen, erheiterte und beruhigte mich für jetzt.“
Mit anderen Worten: der Mann, auf den er noch eben eine Lobrede gehalten hatte, konnte in Wahrheit aus seiner Sicht weder dirigieren, noch komponieren und sah aus wie ein besoffener Satyr. - Man kann dieser Meinung durchaus sein, aber dann soll man sich auch offen zu ihr bekennen - auch Leo I. hänselte Schneider oft wegen seiner Trinkernase, aber er tat es nie hinter seinem Rücken. Und auch wenn unser Hofkapellmeister sicherlich nicht zur allerersten Riege der Komponisten gezählt werden darf, so war sein mehr als 30jähriges Dessauer Wirken für das Musikleben der Residenzstadt dennoch absolut segensreich. - Zu seinem und vielleicht auch zu Wagners Glück musste er die Entgleisungen, zu denen letzterer sich in seiner Autobiographie hinreißen ließ, nicht mehr zur Kenntnis nehmen; denn Friedrich Schneider überlebte Leo I. lediglich um ein Jahr und starb also 1853. - Aber zu den näheren Umständen des Ablebens dieser beiden Dessauer Theaterlegenden kommen wir im folgenden Kapitel.
Zuvor nämlich hatte sich das Dessauer Theater seit 1841 wieder ein wenig stabilisiert, denn unser cholerischer Ahnherr war müde und apathisch geworden.
Die Direktion Greiner wechselte er erst nach acht Spielzeiten wieder aus und ersetzte sie 1849 durch die Direktion Martini, in deren Ägide übrigens auch die erste in Dessau erschienene Theaterkritik fällt, die unserem Stammvater vor der Geschichte letztendlich recht gibt. – Ich zitiere: „Wie das wohl bei Anstalten wie der unsrigen kommt, ist es immer bloß als ein glücklicher Wurf zu betrachten, wenn bei der alljährlichen Zusammenwürfelung der Mitglieder einmal ein ordentliches Ensemble herauskommt. Diesen Übelstand haben leider Oper und Schauspiel gemeinsam.“ - Und weiter: „Über die Mängel unserer szenischen Einrichtung könnte man ganze Broschüren schreiben; wir rufen den Beteiligten zu: Gehet hin und lernet!“
Kapitel 5: 1850 – 1852
Schon bald nachdem sich unter dem Intendanten Michael Greiner das erste Ensemble fest engagierter Künstler gebildet hatte und die Ära der reisenden Gesellschaften am Hoftheater zu Ende gegangen war, ging eine weitere Ära zu Ende: im Jahre 1852 übernahm die herzogliche Verwaltung die Leitung des Theaters, das fast sechs Jahrzehnte lang von unserem großen Ahnen geführt worden war – und er schwieg. Kein Sturm der Entrüstung entrang sich seiner machtvollen Brust, kein Racheblitz fuhr nieder auf das Haupt seines herzoglichen Neffen, keine Sintflut ließ die Mulde über die Ufer treten. Leo I. nahm den ungeheuerlichen Vertrauensbruch stillschweigend zur Kenntnis, schüttelte müde sein greises Haupt, setzte sich schwerfällig an sein Inspizientenpult, trank den bereitstehenden Schierlingsbecher leer, hauchte heiser das Wort „Vorhang“ – und starb.
Die Folgen sind bekannt. Lähmendes Entsetzen legte die Residenzstadt wochenlang lahm. Auch Hofkapellmeister Schneider verlor allen Lebensmut und verschied nur wenige Monate später. Doch nach einer längeren Phase der Erstarrung machte neue Hoffnung sich breit - und Tatkraft und Kunstwille regten sich neu unter der nun anhebenden Ägide von Leo Polte II.
Leo Polte II. (1795 – 1872)
Kapitel 6: 1795 - 1855
Seit 1795 hatte der Sohn unseres Ahnherren auf die Amtsübernahme warten müssen - ein Rekord, der erst vor wenigen Jahren von Prinz Charles gebrochen werden konnte. Als äußerlich reifer, aber innerlich jugendlicher Mann von 57 Jahren übernahm Leo II. die Schalthebel der Macht und beging in seinem Übereifer den Fehler, als offiziellen Theaterleiter einen gewissen Herrn von Brandt zu installieren, der seinem Namen schon bald alle Ehre machen sollte: am 7. März des Jahres 1855 ging das komplette Hoftheater in Flammen auf. Die genaue Ursache konnte niemals geklärt werden, aber wenn man sich vor Augen hält, dass die ebenso prachtvollen wie leicht entflammbaren Dekorationen im Theaterhimmel permanent über den Kerzenbewehrten Kronleuchtern gehangen hatten, war es eigentlich ein Wunder, dass es nicht schon viel eher zur Katastrophe gekommen war. Ein Wunder, das Leo Polte I. mit seiner schon fast sprichwörtlichen Umsicht ermöglicht hatte.
Und abermals erfüllte lähmendes Entsetzen die Residenzstadt und ganz Anhalt.
Die „Anhaltische Zeitung“ schrieb: „Der Feuertod unseres schönen Schauspielhauses hat viele Herzen Dessaus mit Schmerz und Wehmut erfüllt, und wenn wir jetzt an der Brandstätte unserer Freuden und der leiblichsten Erinnerungen stehen, werden uns die Verdienste dieses dahingesunkenen Musentempels wie der Wert eines eben verstorbenen Menschen erst recht klar. Wo flechten die Künste einen schöneren Bund, wo bieten sich für Geist und Gemüt reuelosere Genüsse dar, wo wird vielseitiger Menschenkenntnis, wo praktischer Lebensklugheit gelehrt, wo kann man Zeuge größerer und begeisternderer Taten sein, wo folgt Strafe und Lohn abschreckend und aufmunternd schneller den menschlichen Handlungen als auf der Bühne, dieser zum Schulgebrauch für die Menschheit sinnreich erfundenen Welt? - In diesen Wahrheiten liegt unser Trost, denn unser edler, erhabener Monarch wird in seiner Güte und Weisheit aus der Asche des Tempels, in welchem so dem Schönen, Wahren und Guten geopfert ward, einen neuen schönern erstehen lassen, da wohl kolossale Menschen und Gebäude plötzlich nicht mehr sein können, aber die Fürsorge eines edlen Fürstengeschlechts für sein Land dauernd ist.“ Kolossale Menschen und Gebäude - es versteht sich von selbst, dass dieser Artikel sowohl ein Nachruf auf das Hoftheater als auch auf seinen langjährigen Leiter Leo I. war. Und das Fürstenhaus vernahm das Flehen seiner Untertanen; es fühlte sich dem Vermächtnis seines bedeutendsten Bastards verpflichtet und errichtete innerhalb von nur 18 Monaten ein neues Theater.
Fortsetzung folgt…
Zeittafel
Leo Polte I. (1758 – 1852)
Leo Polte II. (1795 – 1872)
Leo Polte III. (1821 - 1893)
Leo Polte IV. (1848 - 1922)
Leo Polte V. (1887 – 1944)
Leo Polte VI. (1905 – 1968)
Leo Polte VII. (1934 – 1994)
Leo Polte VIII. (1961)
Leo Polte IX. (2000)

