Der letzte Einruf !!!

Inspizient Leo Polte VIII. erklärt das Theater und die Welt
Ein heiterer Abend mit Gerald Fiedler, viel Musik und einem Überraschungsgast

Zum nun schon dreizehnten Mal schlägt Kult-Inspizient Leo Polte VIII. die Chroniken des Anhaltischen Theaters und seiner großen Familie auf, um zu berichten, mit welchem Schwung Leo IV. seine Bühne ins 20. Jahrhundert führte - und dass er dabei viel mächtigeren Gegnern trotzte als die heutige Theaterleitung. Darüber hinaus erfährt man u.a. Details über die Straftaten homosexueller Flamingos, die Beliebtheit von Flusspferden in der Fastenzeit und weshalb Florentina Tosca in Wahrheit von der Engelsburg sprang. Ein “überaus ernster” Abend mit Gerald Fiedler, einem Überraschungsgast und viel Musik. Am Klavier: Dorothee Dietz.

Der Preis für diese Veranstaltung beträgt 18,- Euro (bzw. 15,- Euro ermäßigt) und beinhaltet ein Freigetränk im Alten Theater.


Zum Geleit

Seit 1794 wird das Dessauer Theater von Männern geleitet, deren Berufsbezeichnung mit I beginnt – und das waren und sind nicht die jeweiligen Intendanten, sondern vielmehr die Vertreter einer legendären Inspizientendynastie. Beginnend mit Leo Polte I., dem Gründungsvater des Hauses, der bis in das Jahr 1852 amtierte, wurden die Schalthebel der Macht, die sich, wie jeder Kenner weiß, am Inspizientenpult befinden, immer in die Hände des ältesten Sohnes weiter gegeben – und liegen daher derzeit in denen von Leo Polte VIII. Dabei beschränkte und beschränkt sich die Herrschaft der jeweiligen Polteschen Familienoberhäupter keineswegs darauf, Licht- und Tonwechsel sowie Umbauten und Vorhangfahrten anzusagen - die Tasten und Hebel des Inspizientenpultes waren und sind vielmehr nur die Insignien einer Macht, die selbstverständlich viel weiter reicht und deren Ursprünge im Siebenjährigen Krieg liegen. Wie jeder Kenner der Geschichte des Hauses Anhalt weiß, nahm an diesem Krieg auch Herzog Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau, den leuchtenden Beispielen seines legendären Großvaters und seines viel zu früh von uns gegangenen Vaters folgend, teil – und genau an dieser Stelle beginnt die Geschichte der Familie Polte.

Erklärung

Von Leo Polte I. bis zu meinem Vater Leo Polte VII. ist noch jeder Leiter dieses Theaters freiwillig aus dem Leben geschieden. Die Gründe dafür sind mannigfach, aber niemals, das müssen Sie, verehrte Leser, mir glauben, war es eine Flucht aus der immensen Verantwortung, die unsere Familie trägt. Häufig geschah es aus Protest – sei er künstlerisch oder politisch motiviert gewesen. Ein Akt des passiven Widerstandes also, ein Aufschrei, ein Zeichen, ein Fanal. - Begünstigt wurden diese Freitode natürlich durch den Umstand, dass meine Ahnen ihre ungeheure Last ohne das Wissen der Öffentlichkeit trugen, weil in den Augen der Welt ganz andere dieses Theater leiteten. Doch während diese Strohpuppen und Alibifiguren unter den Zerstörungen oder Fehlschlägen dieses Hauses nur dem Anschein nach litten, brachen sie meinen Vätern buchstäblich das Herz. Ich werde jedes dieser gebrochenen Herzen auf den Seiten dieser Chronik in Ihr Gedächtnis rufen, Freunde des Hauses. – Und so stolz ich auf diese Ahnentafel auch bin – ich will mich ihrer zumindest in einem Punkt als unwürdig erweisen, indem ich, zumindest derzeit, entschlossen bin, eines natürlichen Todes zu sterben.
Ihr Leo Polte VIII.

Ergänzung
Ich bin wankend geworden in diesem Entschluss. Sollte die Schließung, die über diesem unserem traditionsreichen Haus nunmehr wie ein Damoklesschwert schwebt, in zwei Jahren tatsächlich erfolgen, wird es auch für mich selbstverständlich keinen anderen Weg als den in den Freitod geben. Und dann würde mit der dann 218-jährigen Geschichte dieses Hauses auch die dann 244-jährige Geschichte unserer Dynastie enden, denn selbstverständlich würden mich meine Frau und Leo IX., den ich gerade zum Theaterleiter ausbilde und der über sehr vielversprechende Anlagen verfügt, auf diesem dann unvermeidlichen Wege begleiten. Die zuständigen Stellen müssen sich selbst fragen, ob sie das verantworten möchten.
L.P.VIII. im Nov. 2009 ff.

Leo Polte I. (1758 – 1852)
Kapitel 1: 1758 - 1794

Es geschah in einer Gefechtspause der Schlacht bei Kolin, dass der junge Fürst Leopold den Reizen einer attraktiven Marketenderin erlag und mit ihr das erste seiner zahlreichen unehelichen Kinder zeugte, nämlich den Stammvater unserer Dynastie. Er kam 1758 zur Welt und gab sich ab 1776 in Anlehnung an seinen berühmten Vater den Künstlernamen Leo Polte. Er war da längst ein fahrender Schauspieler mit zugegeben mittelmäßiger Begabung, in dessen beeindruckendem Haupt dennoch Großes heranreifte. Nach einem desaströsen Auftritt als Sarastro Ende der 80er Jahre des 18. Jahrhunderts in Torgau, dessen Peinlichkeit ihm freilich lediglich selbst bewusst war, entschied sich unser Stammvater, die Bühne für immer zu verlassen und fortan hinter den Kulissen zu wirken. Und so übernahm er sowohl die administrative, als auch die pekuniäre und die künstlerische Leitung jener fahrenden Truppe, zu der er gehörte; er wurde Intendant, Schauspiel-, Opern-, Generalmusik-, Ballett- und Verwaltungs-Direktor in einem und erfand zugleich den Beruf des Inspizienten. Ohne ihn ging fortan überhaupt nichts mehr.
Als seine Truppe im Jahre 1794 unter großer Beachtung und dem Gejohle der Gassenjungen in Dessau einzog, war die Wiedersehensfreude von Vater und Sohn natürlich ganz außerordentlich. Der Fürst überhäufte ihn mit Küssen, Ehren und Gunstbeweisen; und er lud ihn ein, mit seinen Komödianten in Dessau zu bleiben, so lange er nur möge. Und diese Einladung nahm nicht nur unser Stammvater, sondern auch alle seine Nachfahren dankend an – so dass wir von diesem Tage an hier geblieben sind, während ganze Heerscharen von Komödianten und vermeintlichen Intendanten längst über alle Berge und vor allem durch viele Täler sind.
Doch mit dieser herzlichen Einladung des Fürsten war eine dringende Bitte verknüpft: um die Protektion seines illegitimen Sohnes nicht allzu öffentlich zu machen, bat Leopold der III. meinen Ur-ur-ur-ur-ur-Großvater, pro forma ein anderes Mitglied der Truppe mit der offiziellen Leitung zu betrauen – und Leo I. griff sich den ihm nächst stehenden Komödianten, einen gewissen Bossann, und ernannte ihn zur großen Erheiterung aller Umstehenden zum Prinzipal. Ich höre das Gelächter bis heute, denn natürlich wurde und wird diese köstliche Anekdote in unserer Küche seit 1794 bis heute praktisch jeden Abend erzählt und sorgt immer wieder für enorme Heiterkeit.
Die Zeiten waren damals nicht einfach – nicht umsonst hatte die Truppe unseres Stammvaters mit der Oper „Das Rothe Käppgen“ von Carl Ditters von Dittersdorf debütiert und noch zwei weitere Dittersdorf-Schinken sowie im Schauspiel zwei Kotzebues nachgeschoben: Mozart bzw. Goethe und Schiller waren noch nicht durchgesetzt und wären ohne den Wagemut und die Unerschütterlichkeit von Leo I. vermutlich niemals in Dessau zu etablieren gewesen. Wenn man damals überhaupt Mozart spielte, dann allenfalls die „Zauberflöte“.
Und zur ersten Dessauer Aufführung von eben dieser findet sich in den Tagebüchern meines Ahnen eine sehr bezeichnende Eintragung vom 11. August des Jahres 1794: „Bossann will durch Spiel ersetzen, was ihm Stimme, Kunst und Natur versagen. Er ist ein noch grässlicherer Sarastro denn ich selbst: wie er in der Hallen-Arie die tiefen Töne mit scheußlich geöffnetem Munde herausquält und doch alles auf Socken geht, damit man ihn überhaupt vernimmt, ist ein Missgriff und eine Schande. Werde ihn wohl bald zu entlassen gezwungen sein – zumal er nichts von Goethe hält.“ – Wie Sie als Freunde dieses Hauses wissen, schob mein Stammvater diese überfällige Entscheidung dann aber noch jahrelang vor sich her und entließ Bossann erst im Jahr 1798. Zu den genaueren Umständen dieser Entlassung sowie der überraschenden Rückholaktion im Jahre 1801 komme ich in den folgenden Kapiteln.

Kapitel 2: 1795 – 1798

Bossanns frivole Undiszipliniertheiten, seine skandalös freizügige Behandlung der aufgeführten Stücke und Opern waren seinerzeit freilich in ganz Deutschland an der Tagesordnung. Man betrachtete die Stücke nur als ungefähres Handlungsgerüst, es wurden ganze Passagen gestrichen und neu hinzuimprovisiert, man fügte schamlos Arien aus anderen Stücken oder gar eigene Texte hinzu – so etwas ist heutzutage Gott sei Dank vollkommen undenkbar. Ausgangs des 18. Jahrhunderts aber war es gängige Praxis. Erschwerend kam hinzu, dass sich die Mimen dabei auch noch auf den Publikumsgeschmack berufen konnten. So berichtete unser Stammvater von einer Hamburger Othello-Aufführung, bei der man sich leidlich an das Original gehalten hatte, woraufhin die Hälfte des Auditoriums angewidert den Saal verlassen habe, der prompt zur zweiten Aufführung am nächsten Tage nur sehr spärlich gefüllt gewesen sei. Flugs kündigte die Theaterleitung an, das Stück zur dritten Aufführung mit radikalen Änderungen zu geben, die darin bestehen würden, dass sowohl Othello als auch Desdemona am Leben bleiben und miteinander glücklich werden würden – und prompt war der Saal wieder prall mit einem zufriedenen Publikum gefüllt.
Ganz so weit ging Bossann in Dessau nicht, dennoch griff auch er immer wieder respektlos in die aufgeführten Werke ein, die anderen Schauspieler taten es ihm nach, so dass sich unser Stammvater gezwungen sah, Bossann eine Anweisung zu diktieren, die dieser dann im eigenen Namen veröffentlichte, obwohl sie an ihn selbst genauso gerichtet war wie an seine Kollegen. Leo I. schrieb bzw. ließ schreiben:
„Es ist den Schauspielern unter keinem Fürwand gestattet, dass von ihnen willkürliche Abänderungen oder Abkürzungen ganzer Scenen und Perioden in Stücken gemacht werden! Schändlich ist es, wie kleinere Rollen, die doch gewiss zur Vollkommenheit des Ganzen ebensoviel als größere Rollen beitragen, allzu oft von Schauspielern beflissentlich verdorben und zum Spott vernachlässigt werden. Es denke jeder Schauspieler immer an die Achtung, die er dem Publikum und seinen Mitschauspielern schuldig ist; er denke wie er sich selbst herabwürdigt und die Kunst zum Handwerk macht, wenn er nicht auch in kleineren Rollen zur Vollkommenheit des Ganzen mitarbeitet - und sich nicht immer allein zum Gegenstand der Vollkommenheit eines Schauspiels hat. Sollten in Zukunft dergleichen Abänderungen und Weglassungen ohne der Intendance Vorwissen und Bewilligung in den Proben bemerkt werden, so ist die Probe augenblicklich aufzuheben und der Intendance Bericht zu geben. Nachgiebigkeit und Verschweigung dieses Punktes werden mit der Strafe des doppelt zu zahlen belegt.“
Diese von meinem Urahnen angedrohte Strafe für Mitarbeiter, die undisziplinierte Mimen nicht bei der Direktion anschwärzten, war natürlich zugleich ein Versuch, die klamme Kasse ein wenig aufzubessern, denn die Truppe erhielt auch in der zweiten Spielzeit aus der fürstlichen Kasse lediglich 375 Taler pro Monat – zum Spielen zu wenig, zum Schließen zuviel. Gerade für jene Mitarbeiter, die sich dem Trunk ergeben hatten, war die Lage so katastrophal, dass Bossann sich als vermeintlicher Prinzipal gezwungen sah, im Anhalter Anzeiger die Einwohner Dessaus dazu aufzufordern, „unserem Soffleur auf meinen Namen nicht das mindeste zu borgen, denn ich stehe für nichts.“ – Natürlich könnte auch ich Sie jetzt bitten, meinem Soffleur kein Geld zu leihen, wenn er sich auf meinen Namen beruft, zumal die Gefahr, dass er das versuchen wird, durchaus vorhanden ist, da gerade Soffleure dazu neigen, sich hemmungslos zu verschulden und dann im Angesicht dieses Schuldenberges in Trübsal zu versinken und sich dem Trunk zu ergeben – aber anders als Bossann mussten und müssen Männer wie Leo I. und ich keine Anzeige in die Zeitung setzen, um dieser Gefahr zu begegnen, wir mussten und müssen nicht einmal etwas sagen, denn uns genügte und genügt dazu ein einziges Stirnrunzeln, umweht vom eisigen Atem ehrfurchtgebietender Autorität.
Und natürlich war Bossanns Fass mit dieser Anzeige für unseren Stammvater endgültig voll: als Leo I. den Fürsten dazu gedrängt hatte, endlich einen festen Theaterbau zu errichten, da die Truppe bis dahin ja noch in der fürstlichen Reitbahn gespielt hatte, legte er zugleich fest, dass Bossann nicht der Mann sei, ein solches Haus zu leiten und ließ die Stelle des Intendanten folglich neu ausschreiben. Im Jahre 1798 wurde feierlich der Grundstein gelegt – und noch im selben Jahr fand bereits die Eröffnungsvorstellung statt. Das neue Haus mit seinen immerhin schon 1.000 Plätzen galt als eines der größten und schönsten in ganz Deutschland. In jenen Jahren schossen feste Theaterhäuser im ganzen Land wie Pilze aus dem Boden und so vollzog sich zugleich der theaterhistorische Übergang von der Prinzipalschaft zum intendantengeleiteten Theater – und natürlich stapelten sich auf dem Schreibtisch meines Urahnen die Bewerbungen der Intendanten, die an anderen Theatern unzufrieden waren, so dass man auch die Erfindung des Intendanten-Karussells in das Jahr 1798 datieren muss.
Die Findungskommission bestand aus Leo I. und seinem Vater, Fürst Leopold III., dessen Rolle allerdings nur darin bestand, die Entscheidung unseres Stammvaters abzunicken. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Leo I. Männer wie Iffland, Schröder oder Kotzebue nicht ausstehen konnte; denn abgesehen davon, dass er ihre Stücke für mittelmäßig hielt, waren alle drei ja sowohl Intendant als auch Autor, Regisseur und Protagonist ihrer eigenen Werke - und eine solche Machtfülle stand, wie er fand, allenfalls Männern wie ihm selbst und selbst denen nur hinter den Kulissen zu. Interessanterweise bewarb sich tatsächlich einer von ihnen, nämlich Kotzebue, für die Stelle, da er unbedingt von Wien nach Dessau wollte, was er dem Fürsten in seiner jämmerlichen und devoten Bewerbung wie folgt begründete: „Gnädiger Herr! Der Wunsch, Euer Durchlaucht zu dienen, giebt mir die Feder in die Hand. Es sind nun anderthalb Jahre, als seine Majestät der Kaiser mich hierher berief, um das Hoftheater zu leiten. Aber – Wien ist mir zu groß, zu geräuschvoll, zu ungesund; das Hoftheater ist mit alten, unheilbaren Krebsschäden behaftet und der Geschmack liegt in der Wiege. Ich glaubte an der Spitze von Künstlern zu stehen und fand nur Schreier; ich glaubte ein vernünftiges Publikum anzutreffen und fand nur Verehrer vom Kasperle. Ebenso erging es mir in meinem Privatleben. Ich war an Freundschaft gewöhnt und fand nur Geselligkeit. Ich sehne mich weg von hier.“ - Und dann schleimte der damals immerhin meistgespielte Autor Deutschlands den Fürsten voll, dass es eine Art hatte, und versicherte, dass er die Gehaltsvorstellungen jedes anderen Bewerbers locker unterbieten würde, denn: „Mein Wunsch kennt keine andere Quelle als das Verlangen, unter einem aufgeklärten Fürsten und unter guten Menschen in einem ruhigen Erdenwinkel meinem Fürsten, den Künsten und mir selbst zu leben.“ - Selbstverständlich kam Kotzebue mit dieser Bewerbung nicht einmal in die Nähe der Endauswahl.
Leo I. entschied sich vielmehr dafür, dass der Freiherr Carl August Ludwig von Lichtenstein unter ihm Intendant sein sollte, ein Mann, der von der Oper herkam, während er Bossann nicht etwa entließ, sondern nur zu einer Art Schauspieldirektor degradierte. Das Haus wurde von Lichtenstein in der Folge stärker auf das Musiktheater ausgerichtet – und eröffnet wurde das neue Theater am 26.12. des Jahres 1798 mit der Oper „Bathmendi“ aus der Feder des neuen Intendanten – und mit ihm selbst und seiner Gattin in den Hauptrollen.
Warum auch er nicht lange Gnade vor den Augen unseres Stammvaters fand und schon bald seine Freiherrlichen Koffer packen musste, lesen Sie im folgenden Kapitel.

Kapitel 3: 1799 - 1813

Wenn Sie das, was Sie gleich lesen werden, in Erstaunen versetzt, so lassen Sie sich an dieser Stelle gesagt sein, dass auch die Vertreter unserer Familie von Fehlern nicht immer verschont geblieben sind. Das bezieht sich natürlich nicht auf unsere Tätigkeit am Inspizientenpult, denn hier ist in der nunmehr 216-jährigen Geschichte dieses Hauses in keinem einzigen Vorstellungsbericht ein Fehler vermerkt, den man dem Inspizienten anlasten müsste oder auch nur könnte. Wenn es, was selten genug war, zu Unregelmäßigkeiten bei den technischen Abläufen kam, so waren diese stets auf Unachtsamkeiten oder Disziplinverstöße in den Sparten Technik, Beleuchtung, Ton oder Requisite zurückzuführen. Mitunter war auch wohlmeinender Übereifer die Ursache, der freilich ebenso wenig zu entschuldigen ist und entschuldigt worden ist und entschuldigt werden wird.
Die Fehler, von denen ich sprach, unterliefen unserer Familie vielmehr in der Regel bei Personalentscheidungen – und dort leider zumeist im Bereich des leitenden Personals. Und einer dieser Fehler hieß eben Freiherr von Lichtenstein. Ich könnte nun zu unserer Entschuldigung anführen, dass es viel leichter ist, Fehler zu begehen, wenn man sich offiziell nicht für sie verantworten muss, denn vor den Zeitgenossen und der veröffentlichten Geschichtsschreibung hat schließlich Fürst Leopold III. den Freiherrn zum Intendanten ernannt und nicht etwa Leo Polte I. – aber mit einer solchen Erklärung macht man es sich zu leicht; und leicht hat man es sich in unserer Familie wahrlich niemals gemacht. Zwar durften wir zu keiner Zeit offiziell die Verantwortung übernehmen, aber wir haben sie stets empfunden – tief und schmerzlich und mitunter in Form einer schier unerträglichen Scham, die zu den zahlreichen Freitoden meiner Ahnen nicht wenig beigetragen hat. Aber ich will nicht vorgreifen.
Die Eröffnungsvorstellung des neuen Hoftheaters nahm das Dilemma der folgenden Jahre jedenfalls bereits vorweg: in der erwähnten Oper aus der Feder des neuen Intendanten wirkten nicht nur dieser selbst und seine Gattin, sondern außerdem ganze Herden dramaturgisch vollkommen überflüssiger Pferde mit. Leo I. schreibt dazu in unserer Familienchronik wörtlich: „Hat der Freiherr denn nicht begriffen, dass wir nicht mehr in der Fürstlichen Reitbahn spielen? Er treibt auf dieser großartigen Bühne mit Rössern sein Wesen – und gemeinsam mit seiner Gemahlin sein Unwesen. Jeder einzelne der Gäule ist begabter und bühnentauglicher als der Freiherr und die Freifrau zusammen. Da haben wir nun eine Bühne für Riesen und bevölkern sie mit Zwergen! Ich muss diesem Unfug fürderhin wehren!“
Aber das war natürlich leichter gesagt als getan, denn während sich Bossann den Anweisungen unseres Stammvaters zwar oft zähneknirschend, aber letztlich immer diskussionslos gefügt hatte, dachte der aristokratische Lichtenstein zunächst nicht im Traum daran, vom Bastard seines Dienstherren Anweisungen entgegenzunehmen - und trieb sein Unwesen also noch eine ganze Zeit weiter. Er richtete das finanziell inzwischen gut aufgestellte Haus fast ausschließlich auf die zeitgenössische Oper aus und vernachlässigte das Schauspiel in geradezu atemberaubender Weise. Ein Weimarer Zeitzeuge notierte dazu: „Ich habe vorige Woche eine Reise nach Dessau gemacht und das dortige Theater besucht. Das Haus ist sehr schön, die Einrichtung vorzüglich, die Bühne sehr groß. Die Oper ist gut besetzt, das Schauspiel aber schlecht. Viele Schauspieler haben von Zeit zu Zeit Erlaubnis, vier bis sechs Wochen zu reisen.“
So etwas kann ich den heute bei mir beschäftigten Schauspielern beim besten Willen nicht mehr gestatten, Freunde des Hauses. Und wenn Sie, Freunde der Oper, nichts Verwerfliches daran finden können, dass Intendant Lichtenstein das Musiktheater derart einseitig beförderte, dann sollten Sie sich vor Augen halten, dass damals nicht etwa Mozart auf dem Spielplan stand, sondern eben Lichtenstein und vergleichbare Größen. - Nach der Eröffnungsoper aus seiner Feder folgte 1799 „Die steinerne Braut“, ebenfalls von und mit ihm selbst – und abermals mit seiner unvermeidlichen Gattin. „Ach, wenn diese Braut doch wirklich aus Stein wäre!“ stoßseufzt unser Stammvater in dieser Chronik. „Aber sie ist nur hölzern, und leider auch nicht stumm. Wo soll das enden?!“ - Auf dieses zweite Machwerk des Intendanten folgten so unvergängliche und bis heute in jedem Spielplan Europas vertretene Opern wie „Die Geisterinsel“ von Johann Friedrich Reichardt, „Das Fest der Winzer“ von Friedrich Ludwig Kunzen, „Das Donauweibchen“ von Ferdinand Kauer, „Die böse Frau“ von Ignaz Walter oder „Die Rache der Else von Winter“ von Kapellmeister Franz Xaver Süßmaier - allesamt aus den beiden Spielzeiten 1799 bis 1801. Und dazwischen eine einzige einsame „Zauberflöte“, in der die Intendantengattin vermutlich die Königin der Nacht gesungen hat, auch wenn sich unsere Chronik dazu leider bzw. vermutlich glücklicherweise ausschweigt. Als ebenso glücklich muss man aus heutiger Sicht den Umstand bewerten, dass die inhaltlichen Mängel den Intendanten zu verstärkten Äußerlichkeiten zwangen, so dass die Kosten für das Orchester, die prunkvolle Ausstattung und den Hafer der mitspielenden Pferde das Theater bald an den Rand des Ruins trieben – zumal auch der Erfolg beim Publikum weitgehend ausblieb.
Ein reines Operngastspiel in Leipzig, das zum finanziellen Desaster geriet, besiegelte schließlich nach nicht einmal drei Spielzeiten das freiherrliche Schicksal. Zwar flehte Lichtenstein den Erbprinzen noch einmal um eine Erhöhung der fürstlichen Fördermittel an, doch der Halbbruder unseres Stammvaters lehnte ab – und so bat der gescheiterte Intendant im Jahre 1801 auf Anweisung Leos I. um seine Entlassung und ging nach Wien, wohin damals, wie wir von Kotzebue wissen, ja niemand sonst gehen wollte. Der Fürst und Leo I. inthronisierten nun nolens volens abermals Bossann, flankiert allerdings von Hofmarschall von Glafey, der die Finanzen verwaltete, sowie von Oberhofmeister Georg Heinrich von Berenhorst, einem unehelichen Sohn des Alten Dessauers, also einem Halb- bzw. Viertel-Großonkel meines legendären Ahnen. Diese Marionetten-Troika funktionierte unter der Führung unseres Stammvaters schließlich wie ein Schweizer Uhrwerk – und es folgte eine Blütezeit des Dessauer Theaters.
Der Spielplan wurde nun wieder ausgewogener und anspruchsvoller, und das zahlreicher werdende Publikum verließ den Saal wieder zufriedener.
Auch auf Gastspielen wurde das Ensemble bejubelt – etwa in Leipzig, wo es noch wenige Jahre zuvor bedauert oder belächelt worden war, und sich vor allem ruiniert hatte. Im Jahre 1805 wandte sich der Magistrat der Stadt Leipzig mit dem folgenden Dankschreiben, das offiziell natürlich dem Fürsten zugestellt wurde, an Leo I., dem es der Fürst ungeöffnet übergab – und der es, halb verwischt von Tränen der Rührung, in unsere Chronik einklebte: „Das hiesige kunstliebende Publikum, welches in den Aufführungen Ihrer Gesellschaft ein ebenso geschmackvolles als sittliches Vergnügen zu genießen das Glück hatte, ist von dankbaren Empfindungen gegen dessen erhabenen Urheber durchdrungen, und vermag seinen bescheidenen Wunsch, mit dem es einer Wiederholung dieser Gnade für den künftigen Winter entgegensieht, nicht zu unterdrücken.“
Da ist es fast nur eine Randnotiz, dass 1805 in einem Kotzebue-Stück in Dessau ein Schauspieler debütierte, von dem Immermann bald darauf sagte, dass er „der größte Schauspieler“ sei, „den es gibt, gegeben hat und geben wird.“ - Es handelte sich um Ludwig Devrient, der seinerzeit zwar vielleicht der beste Schauspieler der Welt, nicht aber der beste in Dessau war, und der deshalb nach einem weiteren Gastspiel in Leipzig kontraktbrüchig wurde und nach Breslau floh. Der legendäre Mime fühlte sich hier weder ausreichend gewürdigt noch ausgelastet, denn er spielte so gut wie keine Hauptrollen, sondern nur Neffen und Adjutanten. Dies geschah im Jahre 1809, als sich das Ende der kurzen Blütezeit dieses Hauses infolge der Kriegswirren bereits deutlich abzeichnete. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war, Sie wissen es, bereits 1806 zusammen gebrochen, Preußen bei Jena und Auerstädt vernichtend geschlagen – und seine Truppen hatten auf ihrer Flucht vor Napoleon die Elbbrücke bei Dessau niedergebrannt, so dass die Besucher aus Roßlau, Zerbst und Hundeluft rudern oder schwimmen mussten, wenn sie ins Theater wollten. 1810 sahen der Fürst und Leo I. sich schließlich gezwungen, das Theater zu schließen und die erste Ära des Berufstheaters in Dessau offiziell zu beenden. Allerdings gründeten Bossann und der musikalische Leiter Jacobi eine Dilettantenvereinigung, mit der sie die Theatersuppe auf kleinerer Flamme noch bis ins Jahr 1813 am Köcheln hielten – dann freilich begannen die Befreiungskriege, auch Bossan meldete sich freiwillig zum Lazarettdienst und starb schließlich am Rande der Völkerschlacht bei Leipzig an Typhus, während Leo I. das verwaiste Hoftheater mit Zähnen, Klauen und der ganzen Wucht seines beeindruckenden Leibes vor Vandalismus schützte - und dabei von besseren Zeiten träumte.
Und die Träume unseres Stammvaters sollten bald in Erfüllung gehen. Denn wo Zerstörung wütet, erhebt stets auch die Hoffnung ihr Haupt, und wo der Tod sein Unwesen treibt, da treibt auch das Leben sein Wesen – und kontert mit neuen Lebewesen: das Jahr, in dem Bossann stirbt, ist dasselbe Jahr, in dem Wagner und Verdi zur Welt kommen – die zwei am häufigsten in Dessau gespielten Komponisten.

Kapitel 4: 1814 - 1849

Leo I. verpasste durch seinen Wachdienst im verwaisten Hoftheater 1815 den Wiener Kongress, auf dem Europa sich neu sortierte - und es wird immer im Dunkel unserer Familiengeschichte verborgen bleiben, was ihm in jenen beiden Jahren, die er wie ein Phantom allein im leeren Tempel der Musen verbrachte, widerfahren ist. Böse Zungen behaupten, dass er wahnsinnig geworden sei wie Lear, den er angeblich allabendlich auf der verwaisten Bühne gegeben habe; aber da er der Schauspielerei bekanntlich abgeschworen hatte, muss ich diese Behauptung ins Reich der Legenden verweisen. Fest steht indes, dass er danach nie wieder so ausgeglichen und souverän war wie vor dem Krieg; sein klarer und aufgeräumter Geist hatte sich ein wenig eingetrübt und verwirrt - dieser Wahrheit muss unsere Familie sich stellen. Er wurde jähzornig, unbeherrscht und launenhaft – was unter Theaterleitern zwar nicht unüblich ist, aber in unserer Familie dennoch als absolute Todsünde gilt. Und dass im Jahre 1817 sein geliebter Vater Leopold III. starb, dem dessen Enkel Leopold IV. nachfolgte, hat den Geisteszustand unseres Stammvaters gewiss nicht verbessert – denn wer möchte wichtige künstlerische Entscheidungen schon mit seinem eigenen Neffen besprechen?
Einzig und allein diesem Wandel seines Wesens und nicht etwa, wie andere Theaterhistoriker meinen, der herannahenden bürgerlichen Revolution und der Selbstfindung des vierten Standes, war es geschuldet, dass die Theaterleitung mitsamt Ensemble in den kommenden 25 Jahren ganze 15 mal ausgetauscht wurde. Im Dezember 1815 wurde erstmals wieder eine fahrende Truppe unter Direktor August Wilhelm Breede engagiert, der bis 1841 wie gesagt 14 weitere folgen sollten. Unser Stammvater war permanent unzufrieden und jagte eine Truppe nach der anderen aus der Stadt – und er entblödete sich nicht einmal, vollkommen abwegige Personalentscheidungen zu treffen, indem er etwa 1818 die Leitung des Theaters gar in die Hände einer Frau legte. Es muss zwischen Leo I. und dieser Josephine Walther eine leidenschaftliche Affäre gegeben haben, denn anders ist es nicht zu erklären, dass der rassigen Prinzipalin mitten in diesen unruhigen Zeiten sogar eine zweite Spielzeit vergönnt gewesen ist. Die ihr folgenden Direktoren hießen Romberg, Gerstel, Heyden-Linden, Nitschke, Eberwein, Bethmann, Miller, Atmer, Bode, Pfeifer, Böttner und Greiner – und mehr muss man nicht über sie sagen. Zwischendurch schloss unser Stammvater das Theater entnervt immer mal wieder ganz, was der Fürst, der um Leos Gemütszustand sehr besorgt war, dazu nutzte, bauliche Veränderungen vorzunehmen, indem er etwa 1822 eine Säulenvorhalle errichten und 1827 sogar eine Heizung einbauen ließ, um seinem Onkel eine Freude zu machen. Doch mein Ahn wurde immer mürrischer und verdrossener.
Die einzige Konstante bildete in jenen Jahren die Hofkapelle, die seit 1821 vom einheimischen Komponisten Friedrich Schneider geleitet wurde, der im Dessauer Musikleben völlig neue Akzente setzte, indem er unter anderem zur Belebung der Chorbewegung gemeinsam mit dem Dichter Wilhelm Müller die „Elbmusikfeste“ begründete und einen neuen Konzertsaal ins Theater bauen ließ. Bei klassischen Konzerten und geistiger Chormusik beruhigten sich die bis zum Zerreißen gespannten Nerven unseres Stammvaters ein wenig - Oper und Schauspiel indes gingen ihm nur noch auf die Ketten. Schneider holte Künstler wie Franz Liszt, Nicolo Paganini oder Wilhelmine Schröder-Devrient nach Dessau – und leider eines Tages auch Richard Wagner. Schon im Jahre 1829 hatte der 16-jährige Wagner auf einem Fußmarsch von Leipzig nach Magdeburg Dessau durchwandert – damals allerdings noch ohne bleibende Schäden anzurichten. Als er allerdings 1846 anlässlich eines Musikfestes und einer Ehrung für Hofkapellmeister Schneider zurückkehrte, begann jenes eminent schwierige Verhältnis zwischen Wagner und unserer Familie, das im Weiteren zu einer ganzen Reihe von Freitoden führen sollte.
Um es kurz zu machen: der noch junge, aber inzwischen berühmte Wagner hielt eine wohlfeile Lobrede auf seinen gestandenen Dessauer Kollegen – und log dabei, dass sich die Balken bogen. In seinen Memoiren nämlich schreibt er über denselben Anlass folgendes: „Der Kunstgenuss war von so wenig wohltätiger Bedeutung, dass er mich im Gegenteil in meinem Klassizitätshass bestärkte. Von einem Mann, dessen Physiognomie, ähnlich der eines besoffenen Satyrs, mich mit unüberwindlichem Abscheu erfüllte, hörte ich die Beethovensche C-Moll-Symphonie trotz einer unabsehbaren Reihe von Kontrabässen, mit welchen für gewöhnlich auf Musikfesten kokettiert wird, so ausdruckslos und nichtssagend aufführen, dass ich den wiederholt wahrgenommenen unbegreiflichen Abstand zwischen dem in mir lebenden Phantasiebild von diesen Werken und der gehörten lebendigen Aufführung derselben, als ein beängstigendes und abschreckendes Problem empfand, von dessen Lösung ich mich verdrossen abwandte. Diese gequälte Stimmung durch Anhören des Oratoriums „Absalon“ des „Altmeisters“ Schneider in das Burleske gezogen zu sehen, erheiterte und beruhigte mich für jetzt.“
Mit anderen Worten: der Mann, auf den er noch eben eine Lobrede gehalten hatte, konnte in Wahrheit aus seiner Sicht weder dirigieren, noch komponieren und sah aus wie ein besoffener Satyr. - Man kann dieser Meinung durchaus sein, aber dann soll man sich auch offen zu ihr bekennen - auch Leo I. hänselte Schneider oft wegen seiner Trinkernase, aber er tat es nie hinter seinem Rücken. Und auch wenn unser Hofkapellmeister sicherlich nicht zur allerersten Riege der Komponisten gezählt werden darf, so war sein mehr als 30jähriges Dessauer Wirken für das Musikleben der Residenzstadt dennoch absolut segensreich. - Zu seinem und vielleicht auch zu Wagners Glück musste er die Entgleisungen, zu denen letzterer sich in seiner Autobiographie hinreißen ließ, nicht mehr zur Kenntnis nehmen; denn Friedrich Schneider überlebte Leo I. lediglich um ein Jahr und starb also 1853. - Aber zu den näheren Umständen des Ablebens dieser beiden Dessauer Theaterlegenden kommen wir im folgenden Kapitel.
Zuvor nämlich hatte sich das Dessauer Theater seit 1841 wieder ein wenig stabilisiert, denn unser cholerischer Ahnherr war müde und apathisch geworden.
Die Direktion Greiner wechselte er erst nach acht Spielzeiten wieder aus und ersetzte sie 1849 durch die Direktion Martini, in deren Ägide übrigens auch die erste in Dessau erschienene Theaterkritik fällt, die unserem Stammvater vor der Geschichte letztendlich recht gibt. – Ich zitiere: „Wie das wohl bei Anstalten wie der unsrigen kommt, ist es immer bloß als ein glücklicher Wurf zu betrachten, wenn bei der alljährlichen Zusammenwürfelung der Mitglieder einmal ein ordentliches Ensemble herauskommt. Diesen Übelstand haben leider Oper und Schauspiel gemeinsam.“ - Und weiter: „Über die Mängel unserer szenischen Einrichtung könnte man ganze Broschüren schreiben; wir rufen den Beteiligten zu: Gehet hin und lernet!“

Kapitel 5: 1850 – 1852

Schon bald nachdem sich unter dem Intendanten Michael Greiner das erste Ensemble fest engagierter Künstler gebildet hatte und die Ära der reisenden Gesellschaften am Hoftheater zu Ende gegangen war, ging eine weitere Ära zu Ende: im Jahre 1852 übernahm die herzogliche Verwaltung die Leitung des Theaters, das fast sechs Jahrzehnte lang von unserem großen Ahnen geführt worden war – und er schwieg. Kein Sturm der Entrüstung entrang sich seiner machtvollen Brust, kein Racheblitz fuhr nieder auf das Haupt seines herzoglichen Neffen, keine Sintflut ließ die Mulde über die Ufer treten. Leo I. nahm den ungeheuerlichen Vertrauensbruch stillschweigend zur Kenntnis, schüttelte müde sein greises Haupt, setzte sich schwerfällig an sein Inspizientenpult, trank den bereitstehenden Schierlingsbecher leer, hauchte heiser das Wort „Vorhang“ – und starb.
Die Folgen sind bekannt. Lähmendes Entsetzen legte die Residenzstadt wochenlang lahm. Auch Hofkapellmeister Schneider verlor allen Lebensmut und verschied nur wenige Monate später. Doch nach einer längeren Phase der Erstarrung machte neue Hoffnung sich breit - und Tatkraft und Kunstwille regten sich neu unter der nun anhebenden Ägide von Leo Polte II.

Leo Polte II. (1795 – 1872)
Kapitel 6: 1795 - 1855

Seit 1795 hatte der Sohn unseres Ahnherren auf die Amtsübernahme warten müssen - ein Rekord, der erst vor wenigen Jahren von Prinz Charles gebrochen werden konnte. Als äußerlich reifer, aber innerlich jugendlicher Mann von 57 Jahren übernahm Leo II. die Schalthebel der Macht und beging in seinem Übereifer den Fehler, als offiziellen Theaterleiter einen gewissen Herrn von Brandt zu installieren, der seinem Namen schon bald alle Ehre machen sollte: am 7. März des Jahres 1855 ging das komplette Hoftheater in Flammen auf. Die genaue Ursache konnte niemals geklärt werden, aber wenn man sich vor Augen hält, dass die ebenso prachtvollen wie leicht entflammbaren Dekorationen im Theaterhimmel permanent über den Kerzenbewehrten Kronleuchtern gehangen hatten, war es eigentlich ein Wunder, dass es nicht schon viel eher zur Katastrophe gekommen war. Ein Wunder, das Leo Polte I. mit seiner schon fast sprichwörtlichen Umsicht ermöglicht hatte.
Und abermals erfüllte lähmendes Entsetzen die Residenzstadt und ganz Anhalt.
Die „Anhaltische Zeitung“ schrieb: „Der Feuertod unseres schönen Schauspielhauses hat viele Herzen Dessaus mit Schmerz und Wehmut erfüllt, und wenn wir jetzt an der Brandstätte unserer Freuden und der leiblichsten Erinnerungen stehen, werden uns die Verdienste dieses dahingesunkenen Musentempels wie der Wert eines eben verstorbenen Menschen erst recht klar. Wo flechten die Künste einen schöneren Bund, wo bieten sich für Geist und Gemüt reuelosere Genüsse dar, wo wird vielseitiger Menschenkenntnis, wo praktischer Lebensklugheit gelehrt, wo kann man Zeuge größerer und begeisternderer Taten sein, wo folgt Strafe und Lohn abschreckend und aufmunternd schneller den menschlichen Handlungen als auf der Bühne, dieser zum Schulgebrauch für die Menschheit sinnreich erfundenen Welt? - In diesen Wahrheiten liegt unser Trost, denn unser edler, erhabener Monarch wird in seiner Güte und Weisheit aus der Asche des Tempels, in welchem so dem Schönen, Wahren und Guten geopfert ward, einen neuen schönern erstehen lassen, da wohl kolossale Menschen und Gebäude plötzlich nicht mehr sein können, aber die Fürsorge eines edlen Fürstengeschlechts für sein Land dauernd ist.“ Kolossale Menschen und Gebäude - es versteht sich von selbst, dass dieser Artikel sowohl ein Nachruf auf das Hoftheater als auch auf seinen langjährigen Leiter Leo I. war. Und das Fürstenhaus vernahm das Flehen seiner Untertanen; es fühlte sich dem Vermächtnis seines bedeutendsten Bastards verpflichtet und errichtete innerhalb von nur 18 Monaten ein neues Theater.

Kapitel 7: 1856 - 1865

In Wahrheit freilich steckte Leo II. hinter dieser Entscheidung, denn er bestürmte den Fürsten, der schließlich sein Vetter war, auf der Stelle einen Neubau errichten zu lassen, was Leopold IV., getrieben von den Schuldgefühlen, die ihn ob des Freitodes seines Oheims plagten, auf der Stelle veranlasste. Und so hob sich schon am 26. Oktober des Jahres 1856, also nach kaum anderthalb Jahren Bauzeit, der Vorhang eines neuen Hoftheaters mit drei Rängen und über 900 Plätzen. Das Haus verfügte zudem über eine moderne Gasbeleuchtung, in deren gleißendem Licht am Eröffnungsabend die Oper „Robert, der Teufel“ von Meyerbeer gegeben wurde.
Neben der Randfigur des offiziellen Intendanten Baron von Brandt agierten unter Leo II. inzwischen übrigens zwei Künstler, die für die weitere Entwicklung des Dessauer Theaters von prägender Bedeutung sein sollten: der Musikdirektor und spätere Hofkapellmeister Eduard Thiele sowie der 1853 auf Lebenszeit als Solotänzer und Ballettmeister ans Haus verpflichtete Richard Fricke. Der legendäre Hofkapellmeister Schneider hatte nach dem Freitod unseres Ahnen bekanntlich jeglichen Lebensmut sowie den Glauben an irgendeine Art von Sinn in jedweder weiteren Kunstanstrengung verloren und war nur wenige Monate nach Leo I. ebenfalls aus dem Leben geschieden. Ihm folgte 1855 zunächst als Musikdirektor sein einstiger Schüler Eduard Thiele nach, der zuvor an unbedeutenderen Häusern engagiert gewesen war. Dem gebürtigen Dessauer gelang sein erster Karrieresprung, als er 1834 von Magdeburg nach Köthen wechselte; sein Nachfolger als Musikdirektor in Magdeburg wurde übrigens ein junger Dirigent namens Richard Wagner. Thiele wartete also in Köthen zwei Jahrzehnte lang darauf, dass die ersehnte Position in Dessau frei würde – und nahm sie schließlich so konsequent wie raumgreifend ein. Er hatte eine große Affinität zum Werke Wagners und legte daher den Grundstein dafür, dass diesem Hause schließlich einmal der zweifelhafte Ehrenname „Bayreuth des Nordens“ verliehen werden sollte. Thiele war dem sächsischen Tonsetzer mindestens ebenso verfallen wie der bayrische König Ludwig II. und hat mit dieser Leidenschaft viel Unglück über unsere Familie gebracht. Aber dazu später. Denn eine weitere unglückselige Leidenschaft verhinderte, dass dieses Unglück verhindert werden konnte – und diese Leidenschaft ergriff Leo II. Sie alle wissen, dass Leo I. über ein sehr ausgewogenes ästhetisches Urteil verfügte und dass seine Leidenschaft für Shakespeare, Goethe oder Schiller sich niemals in einer Weise Bahn brach, die den Spielplan irgendeine Form von Einseitigkeit hätte annehmen lassen. Ich wäre froh, wenn ich dasselbe über meinen Urgroßvater Leo V. sagen könnte, der leider derart in die italienische Oper vernarrt war, dass er in den 22 Jahren seiner Amtszeit bis 1944 allein 26 Verdi-Inszenierungen in Auftrag gab. Noch peinlicher ist mir allerdings die Zügellosigkeit, mit der sein Vater Leo IV. sich seiner Leidenschaft für die Operette hingab, indem er allein im Jahr 1920 zwölf Operetten-Premieren veranlasste! Dass diese Leidenschaft tragisch endete, indem das Theater in Flammen aufging, in denen seine große Liebe Lily Herking ums Leben kam, der er schuldbewusst ins Jenseits folgte, wissen die Freunde dieses Hauses. Und natürlich ahnen Sie alle auch längst, worauf ich hinaus will, liebe Leser – spätestens dann, wenn Sie das Portrait Leos II. betrachten: der neue Theaterleiter war von einer unstillbaren Leidenschaft für den Ausdruckstanz erfüllt. Schon als Jüngling hatte er sich während seiner Ausbildung zum Theaterleiter stets ebenso kraftvoll wie elegant durch die Gänge bewegt, tänzerisch leicht und doch enorm ausdrucksstark war er seinem seit 1815 so mürrischen Vater schwer auf die Ketten gegangen. Denn dieser teilte mit Mozart eine starke Abneigung gegen die damals obligatorischen Balletteinlagen und engagierte zeitlebens keinen einzigen Tänzer ans Haus. Die Trennung der Sparten war seinerzeit ja ohnehin noch sehr fließend – und so tanzten, wenn es denn unvermeidlich war, halt die tänzerisch begabtesten Sänger oder Schauspieler, was Leo II. häufig schlaflose Nächte mit heftigen Übelkeitsanfällen bereitete. Und wenn er dann zum Frühstück ausgezehrt, bleich und hohlwangig, mit rotgeweinten Augen und in weißen Ballettleggins vor dem Angesicht seines Vaters erschien, setzte es von diesem stets heftige Schelte, deftige Püffe und kräftige Ohrfeigen. – Man muss den verbitterten alten Mann verstehen: als Kind seiner Zeit empfand er das Betragen seines Sohnes als widernatürlich und weibisch, so dass er ihm die vermutete sexuelle Abartigkeit aus dem unmännlichen Leibe zu prügeln versuchte. Doch er tat der Frucht seiner Lenden unrecht: Leo II. war alles andere als schwul. Seine Neigung zum Tanz war eine rein ästhetisch gefärbte Sinnlichkeit, die sehr wohl auf das weibliche Geschlecht gerichtet war. Er sah in jedem Pas de Deux ein Ritual der Werbung, der Paarung und der Zeugung, das ihn aufstöhnen ließ. Bedürfte es dafür über die Existenz Leos III. hinaus noch eines weiteren Beweises, so sei an dieser Stelle der jedem Kenner der Dessauer Theatergeschichte wohlbekannte Name von Amanda Fricke genannt. Nachdem er die Leitung des Theaters endlich übernommen hatte, konnte er sich endlich ganz seiner Leidenschaft hingeben und holte, wie erwähnt, den 1851 als Hofballettmeister engagierten Richard Fricke fest ans Haus, der in den folgenden Jahren ein reines Ballettensemble schuf, das 1861 immerhin schon aus 13 Tänzern bestand. Dass die Wahl auf Fricke fiel, hatte indes vor allem mit dessen Frau Amanda zu tun, die das folgende Jahrzehnt hindurch als Solotänzerin für Furore und für viel Verwirrung sorgen sollte. Denn Leo II. verehrte diese Frau. Er begehrte sie. Er verzehrte sich nach ihr. Und auch diese Leidenschaft sollte tragisch enden. Doch zunächst ging im Jahre 1854 der erste reine Ballettabend über eine Dessauer Bühne, nämlich „Das schlecht bewachte Mädchen“ von Louis-Joseph-Ferdinand Herold. Es verbietet sich, über dieses auch unter dem Titel „Die schlecht behütete Tochter“ firmierende Werk aus dem Abstand von anderthalb Jahrhunderten die Nase zu rümpfen – da böten sich eher Ballette wie „Eifersucht in der Küche“ aus der Spielzeit 1861/62 oder „Die Polka vor Gericht“ aus dem Jahre 1865 an - denn das „schlecht bewachte Mädchen“ rangiert in der ewigen Playlist des Dessauer Balletts immerhin gemeinsam mit dem „Nussknacker“, den „Les petits riens“ von Mozart und dem „Kreis“ von Heinz Röttger auf einem beachtlichen dritten Platz. Allerdings genügen dafür mickrige drei Inszenierungen, denn es gehört zu den Eigenarten des Balletts, sich immer wieder Stoffe auszusuchen, die noch nicht vertanzt worden sind, kombiniert mit Kompositionen, zu denen man bis dahin ebenfalls eher selten im Tutu unterwegs war. Nur so ist es zu erklären, dass nach der Gründung dieses Hauses mehr als zwei Jahrhunderte vergehen mussten, ehe man hier im Jahre 2003 erstmals den „Schwanensee“ gab. Auf Platz 2 der erwähnten Liste liegt übrigens mit fünf Aufführungen „Coppelia“ und auf Platz 1 mit sechs „Die Puppenfee“. Einen skurrilen Sonderfall bilden „Robert und Bertram, die lustigen Vagabunden“, die ebenfalls sechs Aufführungen zu verzeichnen haben, die aber mal als Ballett und mal als Posse mit Gesang gegeben wurden, wobei die Zuordnung nicht immer eindeutig ist; bei einer Probe zu diesem Werk geriet bekanntlich 1922 eben jenes Theater in Brand, das unter Leo II. 1856 errichtet worden war. Von 1854 an gab es also pro Spielzeit mindestens einen reinen Ballettabend, auch wenn diese von Leo II. durchgesetzte Kontinuität nach einem Jahrzehnt zunächst wieder abbrechen sollte. Auf die Gründe komme ich später zu sprechen, denn zunächst möchte ich Ihnen zum Abschluss dieser statistischen Einlassungen noch verraten, dass die von unserem Ballettdirektor Tomasz Kajdanski choreographierten „Nibelungen“ zur Musik des von unserem ehemaligen GMD Carlos Kalmar eigens für dieses Haus erstellten „Ring ohne Worte“ die insgesamt 170. Ballett-Inszenierung in der Geschichte dieses Theaters sind. Es ist allerdings eine weitere Eigenart des Bühnentanzes, dass an einem einzigen Abend häufig gleich drei Ballette Premiere feiern, so dass ich zum besseren Verständnis noch hinzufügen will, dass hier am 25. März des Jahres 2011 der insgesamt 130. Dessauer Ballettabend über die Bühne geht. Ohne Leo II. und seine Leidenschaft wäre das nicht möglich gewesen. Aber wir müssen auch die Schattenseite dieser Leidenschaft betrachten, denn ihr Ausmaß verstellte meinem Ahnen den kritischen Blick auf das, was in den anderen Sparten geschah. Es war ihm schlechterdings gleichgültig, wenn die im Schauspiel zur Aufführung gelangenden Stücke Titel wie „Tantchen unverzagt“, „Appel contra Schwiegersohn“ oder „Ein Toilettengeschichtchen“ trugen. Und auch in der Oper, die es damals übrigens auf weniger als eine Inszenierung pro Spielzeit brachte, war es ihm vollends gleich, ob der Komponist Verdi, Meyerbeer oder Flotow hieß – und damit öffnete er dem unseligen Wagner Tür und Tor des Hoftheaters. Und der Sachse schritt entschlossen hindurch, an die Hand genommenen von seinem Verehrer Eduard Thiele. Als 1857 mit dem „Tannhäuser“ die erste Wagner-Oper über diese Bretter hereinbrach, war Leo II. entsetzt, faltete Thiele zusammen und gelobte Besserung. Fortan bemühte er sich, seinen Hofkapellmeister auszubremsen und verhinderte zunächst weitere Wagner-Aufführungen. Thiele nämlich wollte schon im Jahr darauf unbedingt auch den „Lohengrin“ auf die Bühne bringen, aber mein Ahn stellte ihm dafür nur 10 Louisdor zur Verfügung, Wagner verlangte mindestens 12 und so kam die Aufführung nicht zustande. Lohengrin landete mit seinem Schwan erst zehn Jahre später an den Ufern der Mulde, als Leo II. längst nicht mehr Herr seiner Sinne war – denn kurz zuvor war die Liebe seines Lebens aus dem ihren geschieden; und mit dem Tod von Amanda Fricke endete auch die erste Blütezeit der Dessauer Tanzkunst: es sollte von 1865 bis 1899 keinen weiteren Ballettabend an diesem Hause geben.
Manche Theaterhistoriker vermuten, dass den Witwer der großen Solotänzerin, also Ballettmeister Fricke, jegliche Schöpferkraft verlassen habe, aber gegen diese These spricht, dass dieser im Rahmen der Balletteinlagen bei Opern munter weiter choreographierte und schließlich ja sogar von Wagner nach Bayreuth geholt wurde, um dort 1876 bei der Uraufführung des „Rings“ als Choreograph und Hilfsregisseur zu wirken. Es ist allerdings eine von der offiziellen Theatergeschichtsschreibung geflissentlich verschwiegene Pointe, dass ihm Wagner, um Geld zu sparen, für die Inszenierung nicht etwa ausgebildete Tänzer, sondern lediglich 24 Bayreuther Turner zur Verfügung stellte. Auch erteilte Fricke noch als über 80jähriger in Dessau Tanzunterricht, so dass von einem echten Bruch in seiner Biographie wahrlich keine Rede sein kann – den erlitt vielmehr sein Vorgesetzter und heimlicher Rivale Leo II., den seine Verehrung für Amanda so sehr verzehrte, dass man täglich fürchten musste, das Theater würde abermals in Flammen aufgehen. Er versäumte keine Vorstellung, keine Probe, keinen Schritt von ihr; ihre Schönheit, ihre Anmut und ihr tänzerischer Ausdruck raubten ihm den Atem, so dass es ihm leider auch nicht möglich war, jemals das Wort an sie zu richten und ihr seine Liebe zu gestehen.
Sie selbst sah stets nur seine brennenden Blicke, immer wieder gelöscht von den Tränen der Verzweiflung, und womöglich hat sie Stunde um Stunde darauf gewartet, dass er sich ihr erklärt. Ich bin davon überzeugt, dass sie überhaupt nur deshalb eine so gute Tänzerin war, weil er ihr permanent zusah, denn sie hat mit Sicherheit nur für ihn getanzt. Und genau dieses Bild einer schwebenden Göttin macht mich so traurig, liebe Leser. Denn es bezeichnet die Tragik dieser Leidenschaft – wäre sie auch nur einmal gestolpert, dann wäre sie fehlbar gewesen, wäre von einer Göttin zu einem sterblichen Weibe geworden und Leo II. hätte sie ansprechen und um sie werben können. So aber starb sie jung, wie es sich für eine Ikone gehört, im Alter von nur 32 Jahren an Erschöpfung. Wenn man sich mehr als 10 Jahre lang täglich die Seele aus dem Leib tanzt, damit der Mann, für den man es tut, endlich einmal sagt, dass er einen gar nicht so schlecht findet, während er aus unerfindlichen Gründen eisern schweigt, dann ist das eine nachvollziehbare Todesursache.

Kapitel 8: 1866 - 1872

Leo II. hat den Tod seiner Angebeteten niemals verwunden. Der wahre Grund für die 34-jährige Ballettpause, die auf Amandas Tod folgte, ist das Verbot, das er fortan über diese Kunstform in Dessau verhängte - denn er wollte und konnte einfach keine andere Primaballerina auf seiner Bühne sehen, Freunde derselben! Selbst sein Sohn Leo III. erhielt dieses Verdikt bis zu seinem eigenen Tode aufrecht und erst Leo IV., der ja seinerseits eine Kammersängerin liebte, was, wie Sie wissen, ebenfalls kein gutes Ende nahm, ließ in Dessau wieder Ballettabende zu. Und alles andere als die strikte Einhaltung dieses Verbots war Leo II. nun endgültig vollkommen gleichgültig.
Sein einziger Freund in jenen trüben Monaten und Jahren war neben dem Wein der berühmte Ritter von Gluck, den Leo II. nicht nur wegen seiner Ballettmusik, sondern auch wegen seiner Trinkfestigkeit schätzte. Der große Komponist, der ihn so oft es ging besuchte, wurde schließlich zum einzigen Zechkumpan, den mein Ahn noch ertrug; und so nahm er mit Gluck manchen Schluck - und durfte ihn als einziger Theaterleiter Europas Christoph Willibald nennen. Angetan hatte es ihm insbesondere Glucks Oper „Orpheus & Eurydike“, denn auch Leo träumte davon, in den Hades hinabzusteigen und Amanda wieder zurück auf die Bühne zu holen. Die Dessauer Inszenierung von Glucks Oper war eine von zwei Aufführungen, die er sich nach 1865 an seinem eigenen Hause noch ansah, und er schämte sich der Tränen, die ihm dabei über die eingefallenen Wangen liefen, nicht einen Moment.
Die andere Aufführung war der „Hamlet“. Am 11. Oktober 1795, dem Tag der Premiere der ersten Dessauer Hamlet-Inszenierung, geboren, sah er das Stück zum ersten Mal halbwegs bewusst bei dessen zweiter Inszenierung im Jahre 1811. Allerdings interessierte sich der damals 16-jährige vornehmlich für die Fechtszenen sowie die Strumpfhosen des Titelhelden und bedauerte insgeheim, dass Ophelia aus dem Leben geschieden war, ohne zuvor mit Hamlet ein Pas de Deux auf die Bretter gelegt zu haben. Und als Hamlet seinen berühmten Monolog sprach, konnte er die Frage, ob man lieber sein oder lieber nicht sein solle, gar nicht verstehen, denn er barst schier vor Lebens- und Bewegungslust. Bei der dritten Dessauer Hamlet-Inszenierung sollte das anders sein.
Denn inzwischen nahm das Unheil seinen unaufhaltsamen Lauf. Blind vor Tränen, mutlos vor Kummer und praktisch handlungsunfähig infolge des konstant hohen Blutalkoholwertes ließ sich Leo II. von Thiele eine Wagner-Oper nach der anderen unterjubeln. Dem „Lohengrin“ von 1867 folgten zwei Jahre später und nur gut ein halbes Jahr nach der Münchner Uraufführung die „Meistersinger“ – und noch im selben Jahr war schließlich auch der „Fliegende Holländer“ in Dessau gelandet.
Baron von Brandt, der unter Leo II. 1852 offizieller Intendant geworden war, hatte übrigens sowohl dessen Leidenschaft für den Ausdruckstanz im Allgemeinen als auch für Amanda Fricke im Besonderen geteilt. Er war von ihrem Ableben fast ebenso erschüttert wie mein Ahn, allerdings bei weitem nicht so verantwortungsbewusst und so leidensfähig wie dieser – und so verließ er das Theater noch im Jahr ihres Todes für immer und ewig.
Seine Nachfolge trat also 1865, ohne dass Leo es recht gewahr wurde, ein gewisser Rudolf von Normann an, der wiederum mit Thiele dessen Leidenschaft für den größenwahnsinnigen Sachsen teilte. Und je mehr sich der Zustand des eigentlichen Theaterleiters verschlimmerte, desto ungehemmter gaben die beiden Komplizen ihrer Leidenschaft nach, und desto tolldreister trieben sie im Hoftheater ihr Unwesen, das im Jahre 1872 schließlich in einer der finstersten Intrigen der gesamten deutschen Theatergeschichte gipfelte.
Im selben Jahr gelangte übrigens zum dritten Mal der „Hamlet“ auf die Dessauer Bühne – und diesmal verstand Leo Hamlets Frage nur allzu gut und tendierte eher dazu, nicht mehr sein zu wollen; denn er war inzwischen 77 Jahre alt, im Jahr zuvor war sein Vetter, der regierende Fürst Leopold IV. verblichen, und mit dessen Sohn und Nachfolger Friedrich I. fand er nie eine gemeinsame Theatersprache. Außerdem war Amanda inzwischen seit sieben Jahre tot – und selbst wenn es ihm noch gelungen wäre, sie aus dem Totenreich zu befreien, so wäre ihre Zeit als Solotänzerin doch vorüber gewesen, denn sie hätte sich dann bereits in ihrem 40. Lebensjahr befunden. Und er konnte sie sich nur als Primaballerina herbeiwünschen.
Und so sank er Tag für Tag und Glas für Glas dem Abgrund entgegen, während Thiele und von Normann ihre finstere Intrige spannen. Obwohl die beiden nur allzu gut wussten, dass Leo II. Wagner nicht ausstehen konnte, weil er ihm wie jedem melancholischen Menschen zu laut, zu aufdringlich und zu selbstbewusst war, schoben sie ihm in einem seiner tränenblinden Momente eine Einladung an Wagner unter, die mein armer Ahn in dem Glauben, es handle sich um eine Erneuerung seines Ballett-Verdikts, ahnungslos unterzeichnete. Die beiden Intriganten planten, Wagner bei dessen Besuch mit einer Aufführung seiner „Meistersinger“ zu huldigen und hatten bereits alles in die Wege geleitet, als der perfide Plan von einem lyrischen Bariton, der Wagner ebenfalls nicht leiden konnte, weil sein Fach in dessen Opern so schmählich unterrepräsentiert war, an Leo II. verraten wurde. Und da erhob sich der alte Mann noch einmal zu seiner vollen Größe, wischte sich die Tränen aus den Augen, warf die halbvolle Weinflasche gegen die Wand, stemmte die Arme in die Hüften und ließ von Normann und Thiele zu sich rufen. Wagner, der sich bereits auf dem Weg nach Dessau befand, noch auszuladen, ging nicht recht an, also wies er nach seinem halbstündigen Wutausbruch, der die beiden Wagner-Jünger in der Tat um ihr Leben fürchten ließ, kategorisch an, dass im Beisein von Wagner nicht Wagner, sondern Gluck gegeben zu werden habe – und zwar selbstverständlich seine eigene Lieblingsoper „Orpheus und Eurydike“. Von Normann und Thiele fügten sich zähneknirschend – scheinbar. Denn noch im Weggehen verabredeten sie flüsternd, wie sie dem Befehl ihres Vorgesetzten Folge leisten und dennoch gleichzeitig ihrem Idol huldigen konnten, ohne das Gesicht zu verlieren.
Offiziell hatte man verbreiten lassen, dass die Erkrankung mehrerer Solisten diese Spielplanänderung notwendig gemacht hätte, da für den „Orpheus“ schließlich nur zwei Sängerinnen benötigt würden; und so versammelte sich das Publikum also voll froher Erwartung auf Glucks wunderbare Musik – und auch Leo II. setzte sich mit einem Fässchen Wein in die Proszeniumsloge und schwelgte in melancholischer Vorfreude. Von seinem Platz aus konnte er Wagner sehen, der seine Enttäuschung zunächst nur mühsam verbarg – bald aber aufblühen und sich eitel spreizen sollte. Denn während mein Ahn sich in Erwartung der herrlichen „Orpheus“-Ouvertüre mit geschlossenen Augen zurücklehnte, vernahm er plötzlich ein verdächtiges C-Dur; ja, liebe Leser, es war tatsächlich das C-Dur des „Meistersinger“-Vorspiels, das da vom Orchester intoniert wurde – und Leo glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Als sich schließlich der Vorhang hob, war von Orpheus immer noch weit und breit nichts zu sehen, stattdessen erblickte man das gesamte Musiktheaterensemble, das sich formiert hatte, um Wagner auf Thieles Anweisung mit dem Wach-auf-Chor in Dessau zu begrüßen. Und erst, als auch diese Schandtat vollbracht war, kamen Orpheus, Eurydike und Gluck zu ihrem Recht. Doch das sah und hörte Leo II. nicht mehr. Blind und taub vor Wut, Entsetzen und Scham stürmte er zielbewusst durch die Gänge. Wagner indes rekelte sich wohlig in seinem Sitz, fühlte sich geschmeichelt und bewertete die Aufführung hinterher in einem Aufsatz über „Das heutige deutsche Opernwesen“ wörtlich wie folgt: „Ich bezeuge laut, nie eine edlere und vollkommenere Gesamtleistung auf einem Theater erlebt zu haben, als diese Aufführung.“
Am nächsten Vormittag besuchte er dann noch eine Probe des „Fliegenden Holländers“ und erzählte den Sängern und den Musikern von seinen Plänen auf dem „Grünen Hügel“. - „Sie müssen mir alle helfen!“ beschwor er die Künstler – und tatsächlich fanden die 1. Bayreuther Festspiele vier Jahre später unter Beteiligung von 12 Musikern der Dessauer Hofkapelle statt. Und während der Schleim auf der Bühne meterhoch stieg, weil Thiele und von Normann ihren Abgott kübelweise damit übergossen, während der solcherart Gepriesene seinerseits das Dessauer Bühnenvolk mit vollkommen übertriebenem Lob überschüttete, dachte niemand an Leo II. Erst am Abend desselben Tages und nach Wagners Abreise wurde er plötzlich vermisst; eine sofort eingeleitete Suchaktion blieb aber zunächst ohne Erfolg. Man fand ihn erst am Morgen des nächsten Tages im seit Jahren verwaisten Ballettsaal – er hatte sich an einem Deckenbalken erhängt und trug unter seinem Inspizientenkittel ein staubiges Tutu; es war kein anderes als jenes, das Amanda Fricke in ihrer letzten Rolle getragen hatte.

Leo Polte III. (1821 – 1893)
Kapitel 9: 1821 - 1872

Hätte Leo II. aus dem Meer von Trauer, Rotwein und Lethargie, in dem er hilf-, wehr- und willenlos versunken war, errettet werden können? Es gab viele, die es ernsthaft versucht haben – allen voran sein Sohn und Erbe Leo Polte III. Geboren im Jahre 1821 als Frucht einer Liebesnacht mit einer Lustspiel-Soubrette, die im Anschluss an die Premierenfeier des Stückes „Fridolin oder Der Gang nach dem Eisenhammer“ statt hatte, litt er die ersten drei Jahrzehnte seines Lebens darunter, dass sein Vater den Tanz wesentlich inniger liebte als ihn und vor allem seine Mutter. Und als dann Amanda Fricke in das Leben seines Vaters trat bzw. sprang bzw. schwebte, da erlosch auch noch der letzte Funke väterlicher Zuneigung. Es war nicht so sehr das Erbgut der Mutter, die inzwischen ins Fach der Komischen Alten gewechselt und obendrein gar nicht so lustig war, wie sie sich auf der Bühne gab, als vielmehr der verzweifelte Versuch, den geliebten Vater aufzuheitern und für sich einzunehmen, der aus Leo Polte III. einen überschäumenden, tolldreisten Komödianten mit einem tief traurigen Herzen werden ließ. Tag für Tag erzählte er seinem in sich versunkenen Vater bei den gemeinsamen Mahlzeiten allerlei lustige Begebenheiten und heitere Anekdoten, parodierte sämtliche Mitarbeiter des Hauses und alle Mitglieder der Fürstenfamilie, schnitt komische Grimassen, machte ulkige Verrenkungen und erzählte in einer Stunde mehr als doppelt so viele Witze wie Fips Asmussen. Und nicht ein einziges Mal gelang es ihm, damit auch nur die Andeutung eines Lächelns auf das väterliche Antlitz zu zaubern. Ja, in unserer legendären Familienküche, in der Verdi schallend und Gluck glucksend gelacht hatte, in der selbst Kleist gekichert und Zuckmayer geprustet hatte, herrschte in diesen Jahren eisige Stille. Und nach dem Tod von Amanda sollte es noch schlimmer werden. Hatte der verzweifelte Komiker in seinen ersten 44 Lebensjahren wenigstens noch Unmut und Tadel erfahren, was die Flamme des Witzes bekanntlich fast ebenso gut nährt wie Applaus und Gelächter, so erntete er in den folgenden sieben Jahren, die sein Vater das Dasein noch ertragen sollte, überhaupt keine Reaktionen mehr. Kein mattes „Lass diese Albernheiten!“, kein hilfloses „Was soll das?“, kein verzweifeltes „Halt doch endlich das Maul!“ entrang sich mehr den väterlichen Lippen. Leo III. ulkte, frotzelte und grimassierte unausgesetzt vor sich hin, indes sein Vater dumpf ins Leere starrte und ihn gar nicht zu bemerken schien. Denn der verzweifelte alte Mann war längst einem anderen Leben anheim gegeben. Da er aber körperlich noch im Diesseits weilte und nominell die Amtsgeschäfte versah, brach über das Hoftheater die allseits bekannte Katastrophe herein: schon wenige Jahre später wurde die Residenzstadt als „Bayreuth des Nordens“ beschimpft. Als Leo II. schließlich tot im Ballettsaal hing und eine bleischwere Schockstarre das Ensemble ergriff, die sich schließlich in einer kollektiven Tränenflut auflöste, die bald auch die gesamte Residenzstadt und ganz Anhalt überflutete, reagierte Leo III. ganz anders auf diesen Anblick: er lachte. Er prustete, wieherte und grölte vor Lachen, dass es eine Art hatte; es war ein gleichso verzweifeltes wie befreiendes Gelächter, ein Orkan abgrundtief trauriger Heiterkeit. Der absurde Anblick, den der Leichnam seines Vaters bot, entschädigte ihn für all die Jahrzehnte, in denen er vergeblich versucht hatte, ihm wenigstens ein Lächeln zu entlocken – und dieses homerische Gelächter Leos III. sollte nie mehr verstummen.

Kapitel 10: 1872 - 1874

Und am Hoftheater begann die große Zeit der Komödie. Natürlich waren Lustspiele, Schwänke und Possen auch schon vor seinem Amtsantritt ein wichtiger Bestandteil des Spielplans gewesen, doch was in der Ägide Leos III. geschah, sprengte sämtliche Dimensionen. Noch ehe sein Vater unter der Erde war, begannen die Proben zu „Herrn Gandels Gardinenpredigten“, einem Lustspiel von Gustav von Moser aus Görlitz, der in den folgenden zwanzig Jahren zum meistgespielten Autor auf der Bühne des Hoftheaters avancieren sollte. Und in den darauffolgenden vier Wochen feierten gleich vier weitere Lustspiele Premiere. Und Leo III. betreute jede einzelne Vorstellung und schlug sich an seinem Inspizientenpult unausgesetzt auf die Schenkel vor Lachen. War er wahnsinnig geworden? Das ist eine schwierige Frage. Die Tatsache, dass diese Lustspiele so lustig in Wahrheit gar nicht waren und dass man ihn permanent auch ohne jeden Anlass in Gelächter ausbrechen sah, legen diesen Schluss sicherlich nahe; auf der anderen Seite führte er am Hoftheater ein durchaus strenges Regiment und wusste jederzeit, was er tat. Gewiss, er hatte beim grotesken Anblick seines toten Vaters gelacht – aber seinen Mördern hatte er deshalb noch lange nicht vergeben. Und so sahen sich Thiele und von Normann, die natürlich glaubten, mit diesem kichernden Kasper leichtes Spiel zu haben, schon bald eines besseren belehrt: Denn Wagner hatte in Dessau verspielt. Leo III. ließ ihn schlechterdings auf seiner Bühne nicht mehr zu und unterband auch alle anderen Ambitionen der beiden Unholde. Wenn etwa von Normann in ihn drang, dass man neben all diesen Komödien doch auch mal wieder einen Shakespeare machen müsse, dann gab er zwischen zwei Glucksern mit ernster Miene nach – um gleich darauf anzuweisen, dass es dann aber eine seiner Komödien, etwa „Wie es euch gefällt“ zu sein habe. Und wenn Thiele sich beklagte, dass das Musiktheater nicht zu seinem Recht komme, räumte Leo III. auch dies mit bekümmertem Ausdruck ein – um sodann eine Posse mit Gesang in den Spielplan zu heben. Und wenn beide dann nachsetzten, dass dies nicht ganz das sei, was sie im Sinne gehabt hätten, schlug er ihnen prustend auf die Schulter, sagte „Ich weiß!“ und entließ sie unter dröhnendem Gelächter. Allein in den ersten beiden Jahren nach seinem Amtsantritt feierten auf der Dessauer Bühne 34 Lustspiele, elf Schwänke und sieben Possen mit oder ohne Gesang Premiere. Dazu kam noch ein sogenannter „Dramatischer Scherz“, eine Gattung, die es damals noch zusätzlich gab. Diese Zahlen sind umso erstaunlicher, wenn man sich zum einen vor Augen hält, dass die Spielzeiten damals stets erst im Oktober oder November zu beginnen und schon im März oder spätestens im April zu enden pflegten - und wenn man zum anderen bedenkt, in welch schlechten Ruf das Hoftheater kaum ein halbes Jahr nach dem Amtsantritt Leos III. geraten war. Am 26. Februar des Jahres 1873 hatte nämlich eine Schwurgerichtsverhandlung „wider den Photographen Ferdinand Berndt wegen Todschlags eventuell Körperverletzung mit tödtlichem Erfolge“ stattgefunden. Ich zitiere dazu aus dem „Anhalter Anzeiger“ – „Der Angeklagte hatte seit Mitte December bemerkt, daß der seit Oktober beim hiesigen Hoftheater engagierte Schauspieler und Sänger Weiß seiner Frau, der Opernsängerin Kreyßel-Berndt, in auffälliger Weise den Hof machte. Da er vermuthete, daß Weiß in seiner Abwesenheit seine Frau besuchen würde, entschloß er sich, der Sache auf die Spur zu kommen. Am 2. Januar abends hatte ihm seine Frau erklärt, sie wolle sich zeitig niederlegen. Er vermuthete daraus, daß sie ihn diesen Abend zeitig los sein wolle, um mit Weiß ungestört zusammen sein zu können. Er ist nun auch, nachdem er einen Dolch zu sich gesteckt hatte, zur Restauration von Brautsch gegangen, und hat dort vom Schenkmädchen erfahren, daß Weiß sich in dem nach dem Hofe zu gelegenen Gastzimmer befinde. Etwa gegen 9 Uhr hat der Angeklagte vom Hofe aus bemerkt, daß Weiß nicht mehr in dem Zimmer sei. Er ist nun nach seiner eigenen Wohnung und dort mit einem Lichtstumpf die Treppe hinaufgegangen. Als er auf dem Flur im Zwischenstock vor dem Garderobenzimmer angelangt war, trat seine Frau, die sein Kommen bemerkte, aus diesem unerleuchteten Zimmer heraus. Er zog dieselbe von der Tür hinweg und bemerkte beim Hineinleuchten den Weiß, welcher damit beschäftigt war, seinen Rock zuzuknöpfen. Auf seine Äußerung: „Das ist ja recht schön, so trifft man Euch hier!“ hat Weiß höchst verlegen erwidert: „Mein Gott, Herr Berndt!“ – Der Flur des Zwischenstocks war notdürftig erleuchtet durch die Laternen am Denkmal des Fürsten Leopold. Weiß sagte höhnisch: „Ich sehe gar nicht ein, wozu ich mich auf eine Auseinandersetzung einlassen soll.“ - Hierüber wütend geworden, holte der Angeklagte den Dolch aus der Brusttasche heraus mit den Worten: „Du Schuft, du Räuber meiner Ehre und meines Familienglücks, ich steche dich nieder!“ Weiß sprang hierauf nach dem Flurfenster, riß es auf und rief um Hülfe. Er war mit beiden Füßen auf das Fensterbrett gesprungen, um auf die Straße zu entkommen. Berndt sprang nun in grenzenloser Wut auf Weiß zu und stieß mit dem Dolch nach ihm, wobei er rief: „Einen Denkzettel sollst du wenigstens mitnehmen!“ Weiß war inzwischen mit dem Oberkörper ganz aus dem Fenster hinausgekommen, als er einen zweiten Dolchstoß in die linke Schulter erhielt, wobei der Dolch bis an das Heft hineindrang. In der Nähe des Goldenen Beutels brach Weiß dann zusammen und wurde bewußtlos in die Berndtsche Wohnung zurückgetragen, wo er nach wenigen Minuten seinen Geist aufgab. Berndt wurde noch in derselben Nacht verhaftet.“ – Und was geschah mit ihm? Nun, die Geschworenen verneinten einstimmig den Vorwurf des Totschlags und „bejaheten die Körperverletzung mit tödtlichem Erfolge, unter der Annahme milderer Umstände“. – Berndt wurde zu einer Gefängnisstrafe von 6 Monaten und zur Tragung der Kosten verurteilt. – Aus meiner Sicht ein veritabler Justizskandal, liebe Leser; gegen den übrigens schon mein Ahn damals ebenso energisch wie vergeblich Einspruch erhob: wurde hier doch einmal mehr der schlechte Ruf, den das Theater hinsichtlich der moralischen Qualität der an ihm Beschäftigten genießt, zur Grundlage eines Urteils genommen, das auf purer Annahme beruht. Was waren denn die Fakten? Hofschauspieler Weiß trat aus dem Garderobenzimmer seiner Kollegin Berndt und knöpfte sich den Rock zu. Nichts weiter! Sie haben vielleicht eine gemeinsame Szene noch einmal geprobt. Oder er hatte sich den Rock beschmutzt und sie hat ihm einen anderen geliehen. Warum gingen sowohl die Geschworenen als auch der Ehemann so selbstverständlich davon aus, dass es in diesem Zimmer zu intimen Handlungen gekommen war?! Jemanden niederzustechen, bloß weil er seinen Rock zuknöpft, hätte ein hohes Strafmaß verlangt statt mildernder Umstände! Unser Theater war und ist bemüht, im Schillerschen Sinne eine moralische Anstalt zu sein, und da ist es natürlich nicht hilfreich, wenn unsere Künstler in den Ruf geraten, es privat mit der Moral nicht ganz so genau zu nehmen.

Kapitel 11: 1874 - 1882

Unbeirrt von solchen Rückschlägen setzte Leo III. seinen Kurs der Erneuerung und Erheiterung konsequent fort – und brachte es in den 20 Jahren seiner Amtszeit schließlich auf insgesamt 123 Lustspiele, 37 Schwänke und 13 Possen mit oder ohne Gesang. Dazu kamen noch eine Reihe von Komischen Opern, vor allem aus der Feder von Ignaz Brüll. - Und mit dieser Spielplanpolitik trieb mein Vorfahr die verhassten Thiele und von Normann unerbittlich in immer tiefere Verzweiflung, ja in den schieren Wahnsinn. Als schließlich das gesamte Ensemble des Musiktheaters inklusive Orchester bei ihm vorstellig wurde und darum bat, die noch junge Wagner-Tradition endlich fortführen zu dürfen, lachte er die Bittsteller herzlich aus und verwies sie auf den Grünen Hügel, so dass die ersten Bayreuther Festspiele 1876 wie bekannt unter der Beteiligung von 12 Musikern der Dessauer Hofkapelle stattfanden.
Ein einziges Mal indes war er unaufmerksam und zwar in Champagnerlaune nach der Premiere des Lustspiels „Der Veilchenfresser“ von seinem Lieblingsautor Gustav von Moser im Herbst des Jahres 1875. Er war so euphorisiert und so betrunken, dass es zunächst Thiele gelang, ihm eine Wagner-Aufführung abzuschwatzen, da Leo III. „Die Meistersinger von Nürnberg“ nach dem Skizzieren der Handlung für eine vortreffliche Posse mit Gesang hielt und gar nicht erst nach dem Namen des Autors fragte; worauf sich von Normann erfrechte, ihm den „Faust“ unterzujubeln, indem er seinen Vorgesetzten in dem Glauben ließ, es handle sich um eine Wiederaufnahme von „Doktor Fausts Hauskäppchen“, einer vortrefflichen Posse mit Gesang, die zu Beginn seiner Amtszeit am Hoftheater Triumphe gefeiert hatte. Er hat diese Unachtsamkeit natürlich bitter bereut – und sich nie wieder eine zuschulden kommen lassen. Und so gingen sowohl die Ära des offiziellen Intendanten als auch die Zeit des Hofkapellmeisters unaufhaltsam in einem allgemeinen Gelächter zu Ende. Es war zunächst von Normann, der schwer erkrankte und Herzog Friedrich darum bat, sein Amt niederlegen zu dürfen. Der fürstliche Vetter meines Ahnen fragte diesen, ob er damit einverstanden sei, worauf Leo versetzte, dass er nur dann Erlösung finden dürfe, wenn er auch Thiele mitnähme, und so wurden die beiden Intriganten im Jahre 1882 schließlich gemeinsam in den Ruhestand versetzt. Die provisorische Leitung des Hauses übernahm nunmehr Musikdirektor Diedicke, während Thiele von August Klughardt abgelöst wurde, einem ganz hervorragenden Kapellmeister, mit dem Leo III. persönlich befreundet war. Dass ausgerechnet er es sein würde, der Dessaus Ruf als „Bayreuth des Nordens“ in den kommenden Jahren endgültig zementieren sollte, ist eines der dunkelsten Kapitel unserer an sonnigen Abschnitten sonst so überaus reichen Familiengeschichte.

Fortsetzung folgt…

Zeittafel

Leo Polte I. (1758 – 1852)
Leo Polte II. (1795 – 1872)
Leo Polte III. (1821 - 1893)
Leo Polte IV. (1848 - 1922)
Leo Polte V. (1887 – 1944)
Leo Polte VI. (1905 – 1968)
Leo Polte VII. (1934 – 1994)
Leo Polte VIII. (*1961)
Leo Polte IX. (*2000)

20.09.14, 20.00Altes Theater/Foyer    KARTEN
24.09.14, 20.00Altes Theater/Foyer    KARTEN
26.09.14, 20.00Altes Theater/Foyer    KARTEN

PRESSESTIMMEN

Letzter Einruf begeistert das zweite Mal Ilka Hilger, Mitteldeutsche Zeitung/ Dessau-Roßlau, 06.03.2010
REIHE Unterhaltsamer Rückblick in die Theatergeschichte und Ausblick auf die Inszenierung „Des Teufels General“.
Die Poltes sind allgegenwärtig in der Stadt. Stolz hält Leo Polte VIII. das Dessauer Stadtmagazin in der Hand. Ein Bild seines Vorfahren prangt auf dem Titel, die Geschichte dazu widmet sich ganz dem Inspizienten-Clan, der in achter Generation am Anhaltischen Theater maßgeblich dafür sorgt, dass sich am Abend der Vorhang hebt.
Was ist ein Inspizient, was macht er, was denkt er, wie lebt er, wie blickt er auf die Stadt, auf das Theater. Zum zweiten Mal in dieser Spielzeit gab es darauf in dieser Woche Antworten im Foyer des Alten Theaters, wo der Schauspieler Gerald Fiedler seine Reihe „Der letzte Einruf!!!“ fortsetzte. Nachdem in der ersten Folge thematisch die Inszenierung „Die Familie Schroffenstein“ den Schwerpunkt setzte, widmete sich Polte dieses Mal der anstehenden Premiere von „Des Teufels General“, ein Schauspiel von Carl Zuckmayer, das am 26. März in der Regie von Wolf Bunge auf der großen Bühne gezeigt wird.
„Zum Spielen zu wenig und zum Schließen zu viel.“ Gerald Fiedler zur fürstlichen Bezahlung Zuckmayer und sein General mussten sich freilich noch gedulden. Traditionell standen zunächst die Poltes und deren Familienchronik im dreigeteilten Abend im Mittelpunkt. Bedächtig nähert sich Leo Polte VIII. seiner eigenen Wirkungszeit und das ist gut so, gibt es doch für Gerald Fiedler viel zu erzählen aus 215 Jahren Theatergeschichte in Dessau. Knapp fasst er zusammen, was sein Urahn Leo Polte I. erlebte und geht in der Historie weiter zur Bossanschen Theatertruppe, deren Namensgeber von Leo Polte I. „zur Erheiterung aller Umstehenden“ zum Prinzipal der Dessauer Bühne ernannt wurde. Gut ging es mit Bossan damals freilich nicht, denn „er griff respektlos in aufgeführte Werke ein“, ein Unding für einen Inspizienten und einen Polte erst recht.
Parallelen aus der Geschichte
Fiedler plaudert kenntnisreich durch die Geschichte, wenn von 375 Talern im Monat die Rede ist, die der Fürst den Theaterleuten gibt, und es heißt „zum Spielen zu wenig und zum Schließen zu viel“, dann tun sich ganz von allein Parallelen auf und im Publikum gibt es bittere Lacher. Eben dies ist das Schöne an der Einruf-Reihe, sie gibt ihrem Schöpfer und Darsteller jedes Mal aufs Neue Gelegenheit, ganz aktuell zu reagieren. Den Seitenhieben auf Stadtpolitik, den liebevollen Sticheleien gegen die Kollegen – diesmal waren Souffleure Mode, denn, sie neigen dazu, sich hemmungslos zu überschulden“ - setzt Fiedler jedoch immer wieder genaueste Recherche entgegen. „Der letzte Einruf!!!“ kann so auch immer als höchst unterhaltsame und zugleich unaufdringliche Einführung in eine neue Inszenierung begriffen werden.
Ebenso hinreißend wie bei der ersten Auflage erzählte Polte auch diesmal wieder in Strophen gepackt die Handlung von „Des Teufels General“. Zum bekannten Schlumpf-Ensemble gesellte sich diesmal ein Playmobil-Held, eine selbst gebaute Junkers-Flughallenkulisse mal wieder war der Schnelldurchlauf pointiert gerafft, umso detaillierter erfuhren die Zuschauer von der Zuckmayer-Rezeptionsgeschichte am Dessauer Theater, die freilich nur ein paar Seiten umfasst, denn Werke des Sohns eines Weinkapselfabrikanten (auch das konnte man von Polte erfahren) wurden wenig gespielt. Nach „Der Hauptmann von Köpenick“1931, war „erst mal 61 Jahre Schluss mit Zuckmayer in Dessau“. Erst 1992 gab es wieder einen Hauptmann, 2007 „Katharina Knie“. Das Zirkusstück ließ Polte zur Quetschkommode greifen und ebenso hinreißend melancholisch wie Gerald Fiedler Sondheims „Send in the Clowns“ schon damals sang, tat er dies auch als Polte, denn „was der Fiedler kann, kann ich schon lange“. Applaus für Gast Singen konnte an diesem Abend jedoch nicht nur Fiedler, sein Gast, Schauspieler Jan Kersjes – vom Heimweh nach Köln gebeutelt durfte sich vom herzlichen Applaus für seine Lieder, seine Antworten auf Zuschauerfragen und seine kleine Lesung in den Arm genommen fühlen. Das hätte man allerdings auch Pianist Stefan Neubert gewünscht. Er und Polte sind ein köstliches Paar. Auf den letzten „Letzten Einruf“ dieser Spielzeit, wenn es erstmals um eine Oper, Verdis „Maskenball“ geht, darf man gespannt sein. Dann sollte es auch endlich ein Bier für den Mann am Klavier geben. Er hat es sich verdient.
Strippenzieher tritt ins Licht Mitteldeutsche Zeitung, 01.12.2009

von Andreas Hillger

Gerald Fiedler erregt mit seinem Solo „Der letzte Einruf!!!“ Kult-Verdacht.

Gegen Dynastien kann man nichts ausrichten - vor allem dann, wenn sie seit Generationen im Untergrund wirken und ihre öffentlichen Interessen von Strohmännern wahrnehmen lassen. Die Poltes zum Beispiel: Seit acht Generationen ziehen sie hinter den Kulissen des Dessauer Theaters buchstäblich die Fäden, ihr mehr oder minder segensreiches Wirken aber fällt auf andere zurück. Dabei ist es jenen Inspizienten, die seit 1794 auf den Vornamen Leo hören, natürlich keinesfalls egal, wer unter ihnen Intendant ist. Schon Gründervater Bossahn war ein Prinzipal von Poltes Gnaden. Und seither ...

Gerald Fiedlers neues Solo-Projekt „Der letzte Einruf!!!“ basiert auf einer verführerischen Idee. Denn tatsächlich ist das Inspizientenpult ja eine Schnittstelle, an dem über Wohl und Wehe eines Theaterabends entschieden wird. Eine falsche Lichtstimmung oder ein vorzeitig gezogener Vorhang, der nach einer vergessenen Ansage verpatzte Auftritt oder die falsche Ton-Einspielung - es gibt zahllose Möglichkeiten, mit denen ein Inspizient das fragile Bühnenkunstwerk zerstören kann. Dass ihm dennoch nie der verdiente Applaus zuteil wird, ist Teil der Verabredung - und sorgt nun dafür, dass Leo Polte VIII. endlich in das Licht der Scheinwerfer tritt. Schließlich haben sich alle seine Vorfahren das Leben genommen - oft aus Protest!

Fiedler präsentiert einen Abend, der ihm auf den Leib geschneidert ist - mit dem gehörigen Pathos des Würdenträgers, der das goldgeprägte Samtalbum mit der Familiengeschichte im geheimen Pultfach verwahrt und den ganzen Apparat mit zwei Hebeln zum Laufen bringt. Und mit dem Übermut des Komödianten, der sich seiner Wirkung wohl bewusst ist und deshalb auch schräge Gesangstöne souverän hält oder das Grinsen über eigene Pointen riskiert. Zu Höchstform läuft er auf, wenn er Kleists „Familie Schroffenstein“ als Programmvorschau auf dem Inhaltsan-Gabentisch zur Schlumpf-Moritat verwandelt oder wenn er dem eigenen Stand ein Ständchen bringt.

Dass die von Dirk Heidicke geschriebenen Texte aus dem Inspizientenleben freilich keinen vollen Abend tragen würden, weil das Format von vornherein auf Fortsetzung angelegt ist, war abzusehen. Ob es daher freilich der Rubrik „Neben den Kulissen“ bedarf, die denn doch sehr ins kabarettistisch Beliebige ausfranst, sei dahingestellt. Schließlich ist der abschließende Teil des Abends, zu dem als Überraschungsgast diesmal die Schauspielerin Eva-Marianne Berger geladen war, durchaus noch ausbaufähig. Und dann muss Leo Polte VIII. vielleicht auch nicht mehr so oft aus jener Rolle fallen, die nur er allein auszufüllen vermag. Als Kenner des Hauses und seines Repertoires nämlich dürfte dieser traditionsbewusste Inspizient zur Kultfigur werden. Sein Debüt jedenfalls drohte das Alte Theater zu sprengen - was wohl kaum im Sinne der Ahnen sein kann!

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