Vom Schimmel bleibt der Schweif
Vom Schimmel der Schweif, vom Himmel die Farbe, vom Sturm die Musik und die kantigen Wangen des hölzernen Menschenschlages. Am Ende steht Hauke Haien allein, als beerbe der Deichgraf im Schlussbild einen anderen Text von Theodor Storm: "So lebt doch die Menschenkreatur, jeder für sich, in fürchterlicher Einsamkeit; ein verlorener Punkt in dem unermessenen und unverstandenen Raum".
Der "Schimmelreiter", ein Puppenspiel von Karin Eppler nach Theodor Storm für Menschen ab 12, hatte am Freitag Premiere im Puppentheater. Drei Linien, drei Deiche, Ebbe auf der wortkargen Bühne, welche den treibend fröstelnden Schauder der Geschichte zu einem Großteil der malenden Licht- und fabulierenden Tonregie (Beat Graf) übereignet. Und der Text ist verschnitten, ausgebrochen, als sei der Nordwind in die Novelle gefahren. Storm sagte, "die heutige Novelle ist die Schwester des Dramas". Alles gruppiere sich um einen Konflikt, und dieser wird in rauer Poesie kantig herausgeschält, während Schatten und Lichter fließen und stürmen.
Hauke Haien steigt auf, durch Talent und Heirat vom Kleinknecht des Deichgrafen zum Nachfolger des Deichgrafen. Eine Vision, ein neuer Deich soll neues Land erschaffen, aber an der Schnittstelle zum alten Deich brechen Konflikt und Katastrophe auf. Hier reiben sich Vision und Tradition, Rechenkunst und Aberglaube, Gewinn und Missgunst. Es ist eine Geschichte der Landschaft, in deren Nebel die Fantasie spukt. Es ist eine Geschichte der Hinfälligkeit menschlichen Mühens.
Zwischen den klaren Kanten der Bühne wird die Geschichte nun bündig aufgereiht. Stephan Korves erzählt die verschnittenen Rahmenhandlungen vom Band, einiges wird dialogisiert, anderes bildlich erzählt oder skizziert. Es spielen Uta Krieg, die auch die Kostüme einschließlich der redenden Hüte entwarf, und Helmut Parthier, der auch die Bühne einrichtete und die Puppen ersann - raue kantige Typen, ein wahrer Menschenschlag mit blau verfroren Gesichtern, blau wie Mondschein auch. Krieg und Parthier leihen den Figuren ihre Hände, fügen sich ein in das nordfriesische Ensemble.
Ein stürmisches Tempo wird angeschlagen, das auch komische Momente birgt. Wenn Haukes und Elkes Väter sterben, erscheint sehr unmittelbar nach dem ersten das zweite Kreuz auf blauer Leinwand, eine Gemeinschaftsbeisetzung, ein kauzig abwegiges, zugleich eindrückliches Bild. Puppen und Spieler stehen in Reihe mit Rücken zum Publikum: "Vater unser, der du bist", mach mal eben. Und wenn das Volk im Wirtshaus debattiert oder wie ein Ballett der Bitterkeit Vorahnungen zischelt, sind Köpfchen auf Daumen gesteckt, Köpfchen, die nun sehr dezent gegenwärtig wirken. Sonst verzichtet Eppler, vertrauend auf die ewigen Themen der Novelle, auf aktuelle Anspielungen.
Die gespenstischen Vorzeichen, die Leitmotive der Tragik, bleiben Zeichen, wie das treibende Grauen, das Storms knappen psychologischen Realismus voranpeitscht. Dieser Deichgraf reitet das Pferd nicht, welches er als einen ausgemergelten Gaul von einem undurchsichtigen Händler genau zu der Zeit erwarb, als das vom Wasser skelettierte Gerippe, des nächtens bei Mondschein auferstanden, verschwand. So wie vom Schimmel der Schweif bleibt, vertraut die vielleicht etwas klar gezeichnete Geschichte auf die Kenntnis der Vielfältigkeit des Scheiterns.
Das Schicksal winkt und wedelt immerzu. Dann zerstampft der Schimmel die Möwe, den zahmen Freund der schwachsinnigen Tochter des klugen Rechners. Sie sitzt in der Kutsche, welche die bodenständige Ehefrau des Genies so geradlinig wie besessen in die Flut treibt. Auf der Bühne drehen sich Spiegel im Sturm. Die Deiche werden umgelegt. Der Deichgraf reitet ins Wasser, und steht allein im "unverstandenen Raum".
Die nächsten Vorstellungen sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, jeweils um 9.30 Uhr, sowie am Freitag als Knie-Not-Abend um 19.30 Uhr. Karten gibt es u.a. an der Theaterkasse im Rathauscenter.