Videostop

Die Nacht, die Lichter

19.01.12, 19.00Altes Theater/Foyer
22.02.12, 20.00Altes Theater/Foyer Karten
20.03.12, 20.00Altes Theater/Foyer Karten
Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 24.01.2012

Die schönen Alliterationen
Wagners „Götterdämmerung“ gelesen.

Dass Richard Wagners Operntexte ohne die dazu gehörige, grandiose Musik gelinde gesagt speziell klingen, ist keine neue Erkenntnis. Namentlich der „Ring des Nibelungen“ hat mit seiner künstlichen Archaik und den grotesken Alliterationen schon häufig Anlass zu ironischen Adaptionen geboten. Dass man über die scheinbaren Schwächen dieses Werkes um so begründeter lachen kann, wenn man seine tatsächlichen Stärken ernst nimmt, zeigte nun eine Lesung der „Götterdämmerung“ im Alten Theater. Denn der Dessauer Generalintendant André Bücker näherte sich gemeinsam mit Schauspieler Gerald Fiedler hier ja einem Stoff, den er in wenigen Monaten mit größtmöglichem Aufwand und den vereinten Kräften seines Hauses auf die Bühne bringen will. Vor diesem Hintergrund kam dieser skelettierten Fassung der Tragödie um Siegfried und Brünhilde, Gunther und Hagen eine besondere Bedeutung zu.
Bücker und Fiedler teilen die umfangreiche Personnage, zu der sich im letzten Teil des „Rings“ ja auch noch ein Chor gesellt, brüderlich durch zwei - und provozieren bereits durch diese simple Verabredung Gelächter im ausverkauften Haus. Denn wenn man mit heiligem Ernst einen Dialog mit sich selbst führen muss oder binnen kürzester Zeit die Rollen zu wechseln hat, dann ist das natürlich komisch - ganz gleich, wie tragisch sich die vorgetragenen Texte geben. Dass sich die beiden Sprecher zudem nicht auf die reine Lesung verlassen, sondern beiläufig Auf- und Abgänge sowie markante Gesten oder charakteristische Stimmfarben in die Handlung integrieren, steigert die Heiterkeit.
Den größten Effekt aber machen jene Regie-Anweisungen, die Richard Wagner in seiner ganzen Ambivalenz als versierten Theaterpraktiker und visionären Gesamtkunstwerket zeigen. Denn das, was hier so wortreich beschrieben wird, ist für das Verständnis des Geschehens zwar einerseits unverzichtbar, im buchstäblichen Sinn aber zugleich unumsetzbar. Am Ende kehrt der „Ring“ dorthin zurück, woher er im „Rheingold“ genommen wurde - doch das ist ein anderer Teil der Geschichte, der in Dessau erst 2015 erzählt werden soll.

Franz Werfel, Mitteldeutsche Zeitung, 02.02.2011

Traumwelt als Schutzraum
LESUNG Fünf "Träume" des großen Nachkriegsliteraten Günter Eich werden im Alten Theater gelesen.
Zu sechst sitzen sie da, in grauen Anzügen mit grauen Bogart-Hüten. Irgendwie passen die Lesenden - Eva-Marianne Berger, Katja Sieder, Thorsten Köhler, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Sebastian Müller-Stahl und Patrick Rupar - mit dieser Ausstattung (Silvia Maradea) zwar in die Nachkriegszeit der fünfziger Jahre, dennoch wirken sie auch zeitlos elegant. Und damit ist das Programm für den Leseabend in der Reihe "Die Nacht, die Lichter" des Anhaltischen Theaters vorgegeben.
Hörspiel aus dem Jahr 1951
Am Samstag erklang Günter Eichs Hörspiel "Träume" aus dem Jahr 1951 im Foyer des Alten Theaters. David Ortmann war, diese Lesung einrichtend, für den Abend verantwortlich und lud das Publikum ein, sich mit den Schauspielern auf Traumreise zu begeben.
Mit dem ersten der insgesamt fünf Hörspiel-Träume" schuf Günter Eich sein Höhlengleichnis. Beschrieben wird die abstrakte Situation einer drei Generationen umfassenden Familie, die sich in einem geschlossenen, abgedunkelten (Güter-)Waggon befindet. Monoton rattert der Zug über die Gleise (bei diesem Live-Hörspiel am Mischpult gefordert: Ian Ehrlich). Die kristallinen Streicherklänge György Ligetis, eines österreichischen Juden mit ungarischen Wurzeln, schaffen dazu eine zerbrechliche Atmosphäre. Die Insassen kennen die äußere Welt nicht. Logik spielt für die Dramaturgie dieses Werkes keine Rolle, ummantelt Eich seine düster-depressiven Vorstellungen doch mit dem Schutzraum der Traumwelt. Es wird nicht gefragt, woher oder wie diese Menschen in den Zug gekommen sind. Es zählt nur das Jetzt und das Was. Dieses Fragen nimmt nun eine eigene Dynamik an. Die Großeltern erinnern als einzige ein Früher, denken an eine Zeit vor dem ratternden Waggon. Und natürlich erzählen sie immer wieder davon, klammern sich an ihre schattenhaften Erinnerungen. Ihre Kinder und Enkel aber sind der Geschichten schon längst überdrüssig geworden, sie wollen die Welt nicht sehen, wie sie ist, da sie nie etwas anderes als ihren einzigen Raum kennen gelernt haben. Neugierde kann nicht gänzlich ohne Reibung und Konturen entstehen. Mit ihren Abwertungen der großelterlichen Geschichten und ihrem sophistischen Fragen treiben sie diese in tiefe Selbstzweifel.
Schließlich kommt die Welt durch ein Loch in der Wand doch noch zu ihnen. Vor lauter Schreck über die Schönheit der Felder und die Veränderung der Menschen darauf verschließen sie dieses. Eine Antwort auf die Frage, wie denn das Essen jeden Tag in den dunklen Waggon käme, wird nicht gewagt.
Für diesen Traum liegt die Assoziation "Juden" nahe, wird aber natürlich nicht ausgesprochen. Denke daran, so die Moral, dass nichts scheinen muss, wie es ist.
Günter Eich, Mitglied der Gruppe 47 und 1950 ihr erster Preisträger, schuf mit diesem Werk eines der aufrüttelndsten und skandalösesten Hörspiele nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit seinem typisch lakonisch-nüchternen Stil gelingt ihm ein Abdruck der Welt. Meisterlich beherrschte er die Kunst, in seiner Literatur die Menschen sprechen zu lassen, wie sie wirklich sind. Ganz nebenbei zeigt er noch, dass sie sich in ihren Träumen womöglich gar nicht so sehr unterscheiden. Jedes seiner fünf Nachtbilder spielt nämlich auf einem anderen Kontinent. Die Strukturen der unterschiedlichen Schlafvisionen ähneln sich dabei aber.
Die sechs lesenden Schauspieler entpuppten sich an diesem Abend als höchst professionelle und wandelbare Stimmkünstler. Übergangslos können sie dabei zwischen Kinderstimmen, jungen und alten Menschen, Arbeitern und Professoren, weißen Touristen und afrikanischen Buschmännern wechseln. Getragen von wunderbar ausgesteuerter Tontechnik und Akustik wurde dieser Abend zu einem echten Hörerlebnis.
Günter Eichs "Träume" sind - heute neu gelesen und gehört - weit mehr als ein literarisches Zeugnis der Nachkriegszeit. Da Traumbilder in ihrer Abstraktheit zeitlos sind, sind auch die hier beschriebenen existenziellen Ängste, die paranoiden Situationen und die ausgeloteten menschlichen Abgründe zeitlos. Starker Eindruck
Diesen starken Eindruck unmittelbar zu erzeugen, so dass Erschüttern sich auch sechzig Jahre nach der Uraufführung noch einstellt; das schaffte die Dessauer Lesung am vergangenen Samstag zweifelsohne. Bitte mehr davon!

22.2.2011: Folge 12

Lesung aus Christa Wolf: „Der geteilte Himmel“

Die 12. Folge am 22. Februar um 20 Uhr im Alten Theater widmet sich aus Anlass des Todes von Christa Wolf einer Ihrer großen Erzählungen. Mitglieder des Schauspielensembles lesen Auszüge aus „Der geteilte Himmel“ aus dem Jahre 1963 von Christa Wolf. Wolf, die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen der ehemaligen DDR und des vereinigten Deutschlands zählt, beschreibt in „Der geteilte Himmel“ die Geschichte einer an der Teilung Deutschlands scheiternden Liebe und spiegelt nüchtern die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR Anfang der 60er-Jahre wieder. Die junge Rita und der zehn Jahre ältere Chemiker Manfred verlieben sich. Doch als Manfreds Betrieb dessen erfolgreich erprobtes Verfahren ablehnt, sieht er keinen anderen Ausweg als die Flucht nach Westberlin. Rita jedoch bleibt in der DDR.
Innerhalb der szenischen Lesung werden Teile der Verfilmung des Stoffes aus dem Jahre 1964, in der Regie von Konrad Wolf, zu sehen sein. Für gastronomisches Vergnügen sorgt das Team vom Restaurant & Bar „Altes Theater“.

Gesamtleitung: Holger Kuhla


20.3.2012: Folge 13

„Soldaten – Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ von Sönke Neitzel und Harald Welzer

Was macht einen Soldaten aus? Wie wird aus dem Alltag der “Kriegs“- Arbeit eine Lust am Töten? Deutsche Soldaten aller Waffengattungen und Dienstgrade wurden nach Beendigung des 2. Weltkrieg in englischen und amerikanischen Kriegsgefangenenlagern gezielt abgehört. Das Buch „Soldaten“ liefert auf der Grundlage dieser Abhörprotokolle „eine Mentalitätsgeschichte der Wehrmacht“. Anhand der teilweise erschütternden Dokumente, versucht eine Lesung, dem Denken und Handeln innerhalb dieser Soldatenwelt auf die Spur zu kommen.

Schauspielensemble
Bearbeitung und Einrichtung: Jochen Langner