Vom Misthaufen zum Happy End
Wenn es im Froschschenkel kribbelt, ertönt die Trompete, der Prinzessin gehört die Solovioline und das Fagott gibt den Mistkäfer. Dennoch erzählt diese Musik nicht einfach die Geschichte ein zweites Mal, sondern schafft via Misthaufen, Gewitter und Landidylle in eigenen Bildern einen zweiten Weg zur Fantasie. Dabei ist die Hauptperson koprophag, ernährt sich also nicht nur von abgestorbenen Pflanzen, sondern verwertet auch Kot.
"Der Mistkäfer" für Sprecher und Orchester nach Hans-Christian Andersen erlebte am Sonntag gleich zwei Aufführungen in der Dessauer Marienkirche. Es spielte die Anhaltische Philharmonie unter Leitung von Kapellmeister Wolfgang Kluge. Jan-Pieter Fuhr erzählte geradewegs die Geschichte und lieh dem Käfer eine köstliche Stimme. Die Musik zum Stück schrieb Andreas N. Tarkmann. Die neue Textfassung besorgte Jörg Schade.
Andersens Parabel des hochnäsigen Selbstbetrugs wird in dieser Fassung abgefedert. Hier und da zieht der Mistkäfer aus dem kaiserlichen Stall, weil nur das kriegserprobte Ross des Herrschers goldene Hufeisen bekommt, während das Insekt leer ausgeht. Hier und da erlebt der Erdbohrer einiges an Abenteuern. In der neuen Fassung werden nicht nur die Ohrwürmer zugunsten eines Heeres von Ameisen aussortiert, hier darf auch der Käfer zum Helden werden, die Prinzessin wecken, bevor der Wasserfall ihr Boot in die Tiefe reißt.
So bekommt der kleine Miesepeter am Ende einen kleinen Orden verliehen, mit einem goldenen Stift auf den kugeligen Körper geschrieben und wird zum kaiserlichen Hofmistkäfer ernannt. In der Vorlage sitzt der blasierte Antiheld am Ende auf dem Rücken des Rosses und wähnt, dass dem Pferd die goldenen Hufeisen um seinetwillen angenagelt wurden seien. So bleibt der Selbstbetrug konstant und die unausgesprochene Botschaft klingt allemal durch: Gib dich zufrieden und sei stille! Das mag heute weniger funktionieren, eher darf jeder ein Held sein. Und nach dem Finale bekommt jedes Kind per Stempel einen Mistkäfer-Orden, wird quasi zum Helden gestempelt.
Zuweilen ist die Musik melodramatisch mit dem Text verschränkt, zuweilen wird illustriert und manchmal erscheint der Text als Bindeglied farbenprächtiger, eigener musikalischer Bilder, welche sich gemäßigt modern geben, im besten Sinne des Wortes abstrahieren und viel Atmosphäre in diesem Familienkonzert transportieren. Direkt oder diffus setzt das Orchester sicher die Lichter und die Bläser akzentuieren vortrefflich. Ameisenmarsch und Hochzeitswalzer: vom freien Farbauftrag geht es immer mal wieder zurück zum Thema. Fantastische Freiheiten, gezielte Charakteristiken, maßvolles Pathos und generell ausgesucht schöne Klänge, die nuanciert mit abgründigen Möglichkeiten spielen, eignen sich als Einstieg und Weg zur Musik, vom Misthaufen zum Happyend. Und bekäme der Mistkäfer goldene Hufeisen an seine sechs Beine genagelt, könnte er gar nicht mehr fliegen, brummend und in tiefen Höhen.