Faust

Oper von Charles Gounod

In Gounods Oper ist Faust weniger der Erkenntnis suchende Wissenschaftler, wie ihn Goethe zeigt, als ein betagter Lebemann, der seine verlorene Jugend zurück gewinnen möchte. Faust ist des Lebens überdrüssig. Doch in dem Moment, als er den todbringenden Becher zu Munde führen will, hört er von fern den Gesang junger Frauen und zögert. Da erscheint Méphistophélès. Von ihm begehrt Faust Jugend und Liebe. Er geht bereitwillig den Pakt mit dem Bösen ein, erhält einen Verjüngungstrank und bricht mit Mephisto auf: Die junge Marguerite ist das Ziel des Abenteuers. Das fromme Mädchen lehnt die Annäherungsversuche Fausts zunächst ab, doch mit Mephistos Hilfe kann er sie bald verführen. Faust verlässt das Mädchen ganz nach Méphistophélès Plan, doch bald schon findet er sich reumütig in ihrer Straße ein, trifft jedoch allein Marguerites Bruder Valentin. Als dieser ihn zum Duell fordert, greift Méphistophélès wiederum ein, und Faust wird zum Mörder. Die schwanger gewordene Marguerite wartet verzweifelt auf Fausts Rückkehr. Als sie im Gebet Hilfe sucht, treibt Mephisto sie in den Wahnsinn. Marguerite tötet schließlich ihr Kind – das Kind Fausts – und kommt ins Gefängnis. Faust versucht sie zu befreien, doch Marguerite hält gegen das Böse stand und stirbt verklärt. Der Reichtum der Partitur an großen Melodien und Vielfalt des Ausdrucks – mit bekannten Stücken wie Valentins Gebet, Méphistophélès’ Rondo vom Goldenen Kalb, Marguerites Juwelenarie und dem Soldatenchor – hat der Oper von ihrer Uraufführung 1859 am Pariser Théâtre Lyrique an zu großer Beliebtheit verholfen. Um eine Verwechslung mit Goethes »Faust« zu vermeiden, nannte man die Oper früher »Margarete«. Wollte man das Besondere von Gounods »Faust«-Variante in Worte fassen, hätte man die Oper »Faust et Marguerite« nennen müssen, handelt es sich doch hier vor allem um eine große, tragische Liebesgeschichte. [In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln]

Musikalische Leitung Daniel Carlberg
Inszenierung und Ausstattung Hinrich Horstkotte
Chor Helmut Sonne
Dramaturgie Felix Losert

Marguerite Angelina Ruzzafante
Faust Artjom Korotkov
Méphistophélès Kyung-Il Ko | Ulf Paulsen
Valentin Wiard Witholt
Marthe Ulrike Hoffmann | Elizabeth King
Siébel Kristina Baran | Jagna Rotkiewicz
Wagner Christian Most | Pawel Tomczak

PRESSESTIMMEN

Herbert Büttiker, Der Landbote (CH), 29.09.2012

Satire und lyrisches Raffinement
Ein schöneres „Je t'aime“ ist im Theater Winterthur wohl noch nie erklungen: Mit Charles Gounods „Faust“ ist das Anhaltische Theater zu Gast - und gefällt mit französischem Sentiment der Stimmen und einer erzählfreudigen Inszenierung der aufwendigen Oper.
Gounods „Faust“ ist ein Monument, die französische Oper schlechthin. Als 1975 der hundertste Geburtstag des Palais Garnier gefeiert wurde, geschah das mit dem seit seiner Uraufführung 1859 dauerpräsenten Werk, und es war die 2836. Aufführung an der Opera. Seither ist der grosse Fünfakter etwas in den Hintergrund getreten, aber der Zauber von Gounods Musik, die dramatische Brillanz des Stoffes, der hier auf Goethes „Gretchentragödie“ fokussiert ist, die Faszination grosser Gesangspartien ist ungebrochen. Das zeigt jetzt auch das Gastspiel des Anhaltischen Theaters wieder, das mit grossem Ensemble und aufwendiger Ausstattung angereist ist und mit einer darstellerisch farbigen, musikalisch energievollen Aufführung begeistert. Es gibt ja kaum eine Nummer in diesem „Faust“, die nicht in den Ohren haftet und es nicht auch für sich zur Berühmtheit in Konzerten und auf Schallplatten geschafft hat. Das gilt für Arien, Duette, Ensembles, Chöre und Orchesterpartien gleichermassen. Da ist zum Beispiel der Schluss des zweiten Aktes, der „Faust-Walzer“, Volksszene, Kirmes, die erste Annäherung Fausts und Margarethes: „Mein schönes Fräulein, darf ich wagen ... „ bei Goethe, wörtlich übersetzt in der Oper, und da in eine zärtliche Melodie gebettet. Margarethes Antwort: „Bin weder Fräulein, weder schön ... „ ist in der Oper auch ein Weiterführen der Melodie - schöner kann man musikalisch nicht anbandeln .. Doch sie geht, und Faust bleibt hingerissen zurück. „Beim Himmel! ...“ bei Goethe, bei Gounod: Aufschwung mit „Je t' aime“ zum hohen H.
Der Tenor Artjom Korotkov, der in Winterthur als Faust auf der Bühne steht, gibt dem Ton allen Glanz und alle Zeit. Die schlanke Stimme ist geschaffen für diese Partie, das zeigte sich auch zuvor schon mit dem sicheren Griff in der ersten Szene, in der er noch der greise Gelehrte ist, der das Leben verflucht, und es zeigte sich dann wieder im Iyrischen Atem der delikaten Arie und der grossen Duettszene mit Margarethe. Für sie gelingt Angelina Ruzzafante, die sich mit der Juwelen-Arie auch brillant von der virtuosen Seite zeigte, die einnehmende Schlichtheit der fliessenden Melodie, in der Liebesschwüre und nächtliche Stille eins werden.
Zwei Seelen in der Brust
Gounod ist hier ja der grosse Magier eines Liebe-unter-Sternenhimmel Zaubers, aber er hat auch etwas von seinem Méphistophélès, den er höhnisch in den unerhört gut kalkulierten Höhepunkt der musikalischen Gefühlswelle hineinlachen lässt. Die Sehnsucht nach wahren Gefühlen und der Zynismus der modernen Gesellschaft - diese Sicht des Faust-Stoffes liess den Pariser Méphistophélès zur schillernden Figur eines mondänen Teufels werden, und Ulf Paulsen hat für ihn die stimmliche Palette, auf der neben dem pechschwarzen Ton fürs Diabolische auch die sonore und spielerische Nonchalance fürs Weltmännische vorkommt.
Vom Kavalier bis zum quasi nackten roten Teufel und schwarz- geflügelten Luzifer zeigt sich Méphistophélès in dieser Inszenierung, und klar wird auch, dass er als Antipode auch ein Teil von Faust ist. Zwar spuckt dieser nicht gerade ins Weihwasserbecken wie jener, aber er zieht doch auch die weissen Handschuhe an, wenn er das schlichte Zuhause seiner Angebeteten betritt. Im Detail genau, erzählfreudig und bildstark geht Hinrich Horstkotte als Regisseur und Ausstatter dem Zwielicht seiner Figuren nach, und er tut es in einer als Klammer und Hintergrund stets präsenten düsteren Irrenanstaltsszenerie, in die er die Bürgerwelt steckt.
Die beweglichen Zellenbehausungen, die auch Bürgerhäuser sind, werden manchmal auch überflüssigerweise herumgestossen, aber sie sind immer wieder ein starker Rahmen für prägnante theatralische Momente, in denen das Faust-Märchen wie in Buchillustrationen festgehalten ist - mit präziser Bewegungsregie: hervorragend die Chorszene im zweiten Akt mit Méphistophélès, der die Bürger mit seinen Zaubereien erschreckt, blitzend die Fechtszene, in der Margarethes Bruder Valentin zu Tode kommt - eindrücklich auch durch Wiard Witholts starke sängerische Präsenz, die sehr auch dem berühmten Gebet zugute kommt.
Schöne Transparenz
Dick auftragen, kann gut sein: Marsch und Soldatenchor mit Méphistophélès als General ist eine gepfefferte Militärsatire. Zu dick aufgetragen ist vielleicht deren blutiges Ende. Reichlich forciert wirkt die Figur Siebels. die Jagna Rotkiewicz auch stimmlich überspitzt. Viel zur Prägnanz des Bühnengeschehens trägt das profilierte Orchester bei, das die Sänger nicht bedrängt. Antony Hermus am Pult sorgt für eine gute Klangbalance nicht nur zur Bühne, sondern auch im Orchester, das so viel Gespür für Sentiment, Sinnlichkeit und atmosphärisches Raffinement von Gounods Opus magnum hören lässt.

Frank Piontek, Der Opernfreund, April 2012

Drinnen wohnt der Wahnsinn

Armer Faust! Arme Margarete! Erlöst werden sie eigentlich nie. Die wenigsten Inszenierungen von Charles Gounods chef d' oeuvre „Faust“ gönnen ihnen am Ende das, was die Musik (sie lässt daran kaum einen Zweifel) des schwer beeindruckenden Finales dem Titelhelden und der Hauptfigur doch zusichert. Stattdessen wandert er meistens mit Mephisto ab ins Inferno, stattdessen scheitert Margarethe an den ganz irdischen Verhältnissen, ohne noch die Hoffnung zu hegen, dass es in irgendeinem christlichen Jenseits mit ihr weitergehen könnte. Warum, so fragt man sich, haben die Librettisten der Oper eigentlich einen durseligen Osterchoral an das Ende ihrer phantastischen Höllenpartie gesetzt?
Vielleicht, um auf die Fragwürdigkeit eben jener Hoffnung hinzuweisen. Im Prinzip endet Gounods „Faust“ wie der „Tannhäuser“: die „Gesellschaft“ übt sich in christlichen Parolen, während die Helden an der Rampe sterben oder zumindest völlig verzweifelt zurückbleiben. Wenn der Regisseur Hinrich Horstkotte in seiner glänzenden Dessauer Inszenierung – unterstützt von einem höchst motivierten Ensemble – das Ende der Oper (fast) auf ihren depressiven Anfang zurückführt, hat das schon seine Richtigkeit. Freilich besitzt es die Richtigkeit eines Albtraums. Horstkotte, ein Meister darin, Phantasmagorien ins unterhaltsame Bild zu setzen, ohne den dahinter liegenden Sinn einem bloßen Effekt zu opfern – Horstkotte zweifelt grundsätzlich am Weg, den Faust und Margarete gehen, aber er macht sie doch nicht zu bloßen Marionetten. Allein sie sind in dieser Lesart schon von vornherein Gescheiterte: Faust als tattergreisiger Arzt in jenem Irrenhaus, in dem bereits die stumpfsinnig vor sich hin nickenden Margarete und Siebel einsitzen. Diese Welt, man spürt es, ist eine Welt der kleinbürgerlichen Beschränktheit. Man wohnt in kleinen Häuschen, die (vielleicht ein wenig zu) oft von den reizenden Teufelchen gedreht werden, die mit Mephisto auf der Bühne erscheinen. Vorn sieht es nüchtern und sauber aus, drinnen wohnt der Wahnsinn in der engen Zelle. Um den Albtraum komplett zu machen, erscheint gelegentlich Margaretes Double: sie selbst als kleines Mädchen, das stumm über die Bühne läuft. Die Regie lässt keinen Zweifel daran, dass es die Bürger selbst sind, die an diesem Albtraum schuld ist: wo immer noch guillotiniert wird, gehören die braven Bürger selbst exorziert. Kein Wunder, dass sie allesamt als Untote erscheinen, wenn es ans Ende geht: auf dem viktorianischen Friedhof, der jeder „Phantom of the Opera“-Aufführung Ehre machen würde, in der Walpurgisnacht, im Finale, in dem der Auferstehungschor nur noch von Zombies gesungen wird, die den Glauben benötigen, um mit Außenseitern wie Faust und Margarete fertig zu werden – indem die Liebenden fertig gemacht werden.
Selbst der Teufel hat in diesem Pandämonium eine fest umrissene Gestalt, die leicht ironisch anmutet: tritt er zunächst haargenau so auf, wie ihn das Libretto beschreibt – mit Hahnenfeder und Degen -, so hat er seinen letzten Auftritt als schwarze Gestalt, die sich in jedem mittelalterlichen Fresko gut ausmachen würde. Die Menschen brauchen halt ihren Teufel... der , da er mit Kyung-Il Ko besetzt wurde, mit einem schönen Bass nicht allein das Rondo vom Goldenen Kalb effektvoll singt, bei dem die enthemmte Masse im Flackerlicht ekstatisch zuckt. Wird Mephisto auch geköpft, so kann das einem echten Teufel nichts anhaben: schon steht er wieder vorn und dirigiert die Massen, macht während seiner Serenade obszöne Spielchen mit und auf einer Kanone, mit der gerade den Soldatenchor – augenzwinkernd – füsilierte. Man sieht: um einprägsame, theaterwirksame Ideen ist die Regie nicht verlegen. Dabei werden die „kleinen“ Leute niemals außer Acht gelassen. Wie der versehrte Siebel – optimal besetzt mit Kristina Baran - um Margarete bangt und selbst der hochmütige Valentin ins Recht gesetzt werden, ist beglückend (und er hat, ein blutiges Baby auf dem Arm, einen beeindruckenden Gruselauftritt auf dem Friedhof). Wiard Witholt singt ihn mit Verve und, in seiner berühmten Anrede an die Schwester, mit größter Schönheit des Tons. Noch dazu Margarete selbst, die mit Angelina Ruzzafante eine erstrangige Interpretin gefunden hat: in der Höhe einfach schön, ausdrucksstark, emotional berührend. Ihr zur Seite steht ein Faust, um den „bedeutende“ Häuser werben müssten: Artjom Korotkov bringt alles an lyrischer Schönheit, an Sicherheit und nötiger, abgestimmter Durchschlagskraft mit, um das Publikum mitzureißen. Es schneit in dieser Inszenierung, über Margaretes Kammer leuchten die Sterne ins Dunkel der Nacht hinein, die Nebel wabern über den Friedhof, Mephisto schwebt, als perverser Kleriker der Hölle, über der Szene und verdammt Margarete, die „braven Leute“ marschieren und walzen taktgenau über die Bühne. Diese Bilder werden bleiben – auch der Schluss. Natürlich ist das „Regietheater“, aber erlaubt ist, was gefällt – und Sinn macht, wenn es dem Albtraum Margaretes vertraut. Die irre Geliebte hat ihren Geliebten erwürgt, der sich flugs in den toten Greis verwandelt, der er eigentlich schon am Anfang war. Den Rest macht die Musik, die wieder einmal – gegen alle philologische Analyse - ihre Vieldeutigkeit beweist. Riesenbeifall – für eine spannende Deutung eines musikalisch prachtvoll gelungenen Stücks. Wenn nun erst am Ende die Anhaltinische Philharmonie unter Daniel Carlberg und der Opernchor genannt werden, so hat's diesmal seine gute Bedeutung: denn Prinzip der Steigerung - das Orchester und der Chor tragen an diesem Abend wesentlich zum Gelingen des großen Unternehmens bei, das ohne den Chor – aber auch ohne den Teufel und seine Vertrauten verloren wäre. Armer Faust? Wohl eher: Arme Dessauer, die sich das Vergnügen an diesem großen Stück entgehen lassen.

Andreas Hillger, Mitteldeutsche Zeitung, 20.03.2012

Unter dem Bücherhimmel
Es ist eine fatale Kettenreaktion, deren katastrophale Konsequenz von allem Anfang an absehbar war: Wenn ein Arzt in seiner Patientin die eigene Jugend wiederfinden will, läuft er Gefahr, dass er nicht nur die Heilung verhindert, sondern selbst an der Krankheit stirbt. Und so liegt Faust am Ende tot zu Gretchens Füßen - erwürgt von jenen Händen, die kurz zuvor noch zarte Blütenblätter als Liebesorakel zupften. Dass er sie freilich selbst in jenen Wahn getrieben hat, der ihn nun das Leben kostet, ist der Teufelskreis in Hinrich Horstkottes Dessauer Inszenierung von Charles Gounods Oper "Faust".
Dass es dieses Werk trotz seines klassischen Themas und der musikalischen Sogwirkung auf deutschen Bühnen schwer hat, war auch bei der Premiere im Anhaltischen Theater zu sehen - selbst wenn man die Konkurrenz des ersten warmen Frühlingswochenendes in Rechnung stellt. Tatsächlich konnte man sich vor den Türen des Hauses wie bei jenem Osterspaziergang fühlen, dem Horstkotte den Grundgedanken für sein Bühnenbild verdankt: Fausts Rede von "niedriger Häuser dumpfen Gemächern" und "dem Druck von Giebeln und Dächern" nämlich wird hier wörtlich genommen. Immer wieder kreiseln kleine Immobilien über die Bühne, verschieben sich im permanenten Stadtumbau zu wechselnden Konstellationen und produzieren neben sinnstiftenden Bildern auch viel Leerlauf. Die innere Ausstattung der Gebäude aber verweist auf den Prolog und das Finale: Selbst Gretchens Kammer ist "keusch und rein", aber steril gefliest, das Irrenhaus omnipräsent.
Guillotine und Exekution
Ansonsten verlegt der Regisseur und Ausstatter die Geschichte in die Entstehungszeit des Stückes: Die Männer tragen hohe Zylinder oder Uniformen des 19. Jahrhundert, die Frauen Nonnentracht oder Biedermeierkleid. Über allem aber schwebt ein Himmel, wie ihn sich Gelehrte erträumen: Bunte Buchrücken leuchten da in allen Größen, selbst die Schaukel im Garten ist ein offenes Buch. Dass die Guillotine, deren Schärfe später nach Gretchens Nacken zücken soll, schon beim Volksfest umtanzt wird, ist ein ebenso böser Kommentar wie die eiskalte Exekution der heimkehrenden Krieger durch Méphistophélès. Und auch ansonsten wird alles aufgefahren, was Unterbühne und Schnürboden, Sternenhorizont und Schneetuch zu bieten haben - ein Fest der Theatertechnik, wie es Goethe im "Vorspiel auf dem Theater" forderte.
Beeindruckend sind auch und vor allem die großen Ensembles, in denen der Opernchor des Anhaltischen Theaters und die Gäste von "Coruso" in der Einstudierung von Helmut Sonne zu individueller Höchstform auflaufen. Wenn das donnernde Hochamt auf vernebeltem Friedhof direkt in den Marschtakt der Armee übergeht oder wenn sich die Trauergemeinde um den sterbenden Valentin auflöst, um zuckend in den Hexensabbat zu tanzen, dann entstehen einige der stärksten Momente in diesem langen Abend. Stumme Leitmotive wie das kleine Mädchen, das gelegentlich über die Szene läuft, halten das Geschehen zusätzlich zusammen. Warum allerdings ein fliegendes Haus den Budenzauber auch noch in himmlische Höhen tragen muss, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Mit solchen Effekten lenkt die Inszenierung eher von ihrer im besten Sinne konservativen Figurenführung ab, die das treue Dessauer Publikum durchaus an die Ära von Johannes Felsenstein erinnern dürfte. Allen voran muss hier Kyung-Il Ko als durchschlagskräftiger Méphistophélès genannt werden, der seinen Pakt mit Faust eher durch Überwältigung denn durch Verführung erreicht. Hinter phantasievollen Masken bleibt dieser Taschenspieler des Bösen seiner Rolle als dunkel gestimmter Geist treu, um schließlich in obszöner Wahrhaftigkeit zu erscheinen. Das Gegenstück zu diesem profunden Bass liefert Angelina Ruzzafante, deren Marguerite mit einem wunderbar schlanken und fragilen Sopran begabt ist. Sie zeigt vor allem die Dünnhäutigkeit und Gefährdung ihrer Figur, während Artjom Korotkov in der Titelpartie das hochfliegende Temperament und die Lebensgier von Faust betont - allerdings auch über eine leise, lyrische Farbe gebietet. Unter den kleineren Partien berührt vor allem der Siébel von Kristina Baran, dessen Liebe zu Marguerite in scheuen Gesten und schüchterner Haltung Gestalt gewinnt. Pawel Tomczak gibt den trink- und sangesfesten Wagner, Elisabeth King eine lüsterne Marthe - und Wiard Witholt hat als Valentin die Argumente des treuen Bruders auch musikalisch auf seiner Seite.
Mit Farbzauber und Spielfreude
Im Graben aber schmeichelt und donnert, marschiert und tanzt die Anhaltische Philharmonie. Was hier unter Leitung von Daniel Carlberg an Farbzauber und Spielfreude, an Energie und Eleganz geboten wird, berechtigt zu großen Hoffnungen für die nächste Talentprobe der "Götterdämmerung". Gespielt wird mit Mut zum Risiko - und das findet am Ende verdienten Lohn, selbst wenn mal eine Solostimme kippt oder die Abstimmung mit dem Chor kurz klappert. "Da habt ihr in der Breite gleich gewonnen ..." (Goethe, Faust I).

Helmut Rohm, Volksstimme, 19.03.2012

Werk von Charles Gounod wird am Anhaltischen Theater begeistert aufgenommen
Dramatisch, mystisch - und mit gutem Ende: Oper "Faust" feiert in Dessau Premiere
Die Oper "Faust" von Charles Gounod hatte am Sonnabend im leider nicht vollbesetzten Großen Haus des Anhaltischen Theaters Dessau eine begeistert aufgenommene Premiere. Beifall und Bravorufe gab es nicht nur am Schluss.
"Aus einer Hand" kommen Inszenierung und Ausstattung. Von Hinrich Horstkotte, dem Dessauer Publikum von seiner "Fledermaus"-Inszenierung der vergangenen Spielzeit noch in bester Erinnerung. Dramatisch, mystisch, teils schaurig und geheimnisvoll, gespickt mit effektvollen Überraschungen ist Horstkottes Regiebasis. Schwarzgekleidete agile Figuren bewegen nicht nur Hütten und Zimmerelemente der Protagonisten, sondern erscheinen auch in den emotionalen Visionen der Marguerite. Warum es dieses fast ständige komplexe Drehen, Rücken und Schieben gegeben hat, bleibt wohl der Fantasie der Zuschauer überlasssen. Geht es um Aktion, Raumerschließung, Spannung?
Andererseits gelangen Hinrich Horstkotte sehr wohl packende und bühnentechnisch raffinierte Szenengestaltungen - nicht nur bei der Walpurgisnacht. Ebenso begeistern die eindrucksvollen Masken- und Kostümwandlungen "auf offener Bühne", wie beim alten Faust zum jungen oder die des Méphistophélès.
Liebesgeschichte im Rückblick
Die in der Oper, im Gegensatz zu Goethes "Faust", vorgenommene Umgewichtung zugunsten Gretchens, hier Marguerite, ist in der Dessauer Inszenierung konsequent realisiert worden. Der Regisseur lässt das Publikum die dramatische Liebesgeschichte der Gretchen-Handlung "von hinten" her mit Rückblicken erleben.
Eingepfercht in einer kleinen Zelle, gefesselt in einer Zwangsjacke, wartet auf die wahnsinnig gewordene Kindsmörderin Marguerite die Guillotine. Angelina Ruzzafante lebt die facettengespickte Gefühlspalette der jungen Frau ungemein identisch, präsentiert diese in einer faszinierenden Symbiose von Spiel und Gesang.
In künstlerischer "Augenhöhe" agieren ihre Partner. Kyung-Il Ko verleiht dem Méphistophélès, ihrem ärgsten Gegenspieler, einen überaus hinterhältigen Charakter, gewaschen mit "allen (dreckigen) Wassern". Die vor allen innere "Faust"-Verjüngung, der Drang nach Jugend und Liebe, später die Zwiespälte zwischen bewusstem eigenen Wollen und Tun sowie dem von Méphistophélès beeinflussten, verkörpert Artjom Korotkov mit guter Variabilität in Stimme und Gestik.
In diese Aufführungseuphorie fügen sich anderen Solisten Wiard Witholt, Pawel Tomczak, Kristina Baran und Elisabeth King sowie die weiteren Mitwirkenden harmonisch ein.
Engagierte Interpretation
Von ganz besonderer Bedeutung in dieser Oper schlechthin, in der Dessauer Inszenierung sehr eindrucksvoll gelungen, sind die großen Chorszenen. Die Chorsängerinnen und -sänger beweisen einmal mehr, dass sie natürlich toll singen, jedoch ebenso ausdrucksstark schauspielern können (Leitung: Helmut Sonne).
Der bis heute anhaltende Erfolg der "Faust"-Oper von Gounod ist ohne Zweifel einerseits sicher dem weltbekannten Goethe-Drama, insbesondere jedoch der Musik zu verdanken. Die Anhaltische Philharmonie unter Daniel Carlberg hat mit ihrer frischen und engagierten Interpretation diesen Fakt ein weiteres Mal verifiziert. Durch sie bekommen die einprägsamen Melodien, die farbenprächtige Instrumentierung, auch mit dem Einsatz der extra neu angeschafften Orgel, und die zahlreichen oft überraschenden musikalischen Höhepunkte eine reizvolle Ausstrahlung.
Irgendwie geht die Oper dann doch gut aus. Dem "Gerichtet!"-Schrei des Méphistophélès setzt der himmlische Chor ein hymnisches "Gerettet" entgegen.

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