Helmut Rohm, Magdeburger Volksstimme, 14.5.2012
Faszinierende Verknüpfung zweier Mythen zum Gesamtkunstwerk
Dessau-Roßlau l Mehr als 15 Minuten stürmischen Beifall und Standing Ovations zollten die Besucher im Anhaltischen Theater Dessau am Sonnabend nach fünfeinhalbstündiger Aufführung Darstellern, Musikern und Inszenierungsteam. Mit der "Götterdämmerung" hat das vierjährige Projekt von Richard Wagners "Der Ring des Nibelungen" einen grandiosen Auftakt erfahren.
Zunächst ist es ganz still, nachdem der letzte Ton verklingt. Die mehr als 1000 Gäste sind noch gefesselt vom überwältigenden Finale. Ganz weit weg in der schier unendlichen Tiefe der in Rot getauchten Bühne wird Brünnhilde ins Feuer reiten. In den videogestützten raumübergreifend tosenden Rhein wird der Ring zurückkehren. Hagen versinkt in den Fluten. Der Untergang der Götter ist besiegelt.
Regisseur André Bücker, der den "Ring" vom Ende her erschließt, ist mit seiner Inszenierung ein "großer Wurf" gelungen. Eine Inszenierung, die so nur in der Bauhausstadt Dessau möglich ist. Wenn man denn Mut und Visionen hat und sich eines engagierten Ensembles sicher ist.
Diese Opernaufführung ohne modernisierende Neudeutung ist getragen von der faszinierenden Verknüpfung zweier Mythen zu einem ganzheitlichen Kunstwerk. Dem der Götterbeziehungen an sich und dem Mythos der klassischen Moderne des Bauhauses. Damit wurde ebenso eine Art Mythos vom "Dessau als Bayreuth des Nordens" neu begründet.
Dass Text in Übertiteln, trotz des gut verständlichen Gesanges, präsentiert wird, hilft dem Zuschauer, die spannende Geschichte über Liebe und Treue, Macht, Intrige sowie Verrat und schließlich auch Tod und Erlösung schnell nachvollziehen zu können. Und sich damit voll dem Geschehen auf der Bühne und der grandiosen Musik hingeben zu können.
Das alles letztendlich so prächtig gelang, war gerade bei dieser Wagner-Oper eine Gesamtleistung aller Mitwirkenden hinter und auf der Bühne. Die die Handlung dem Publikum mit Gesang, Mimik und Gestik unmittelbar nahebringen, sind die Darsteller. Großer Beifall und Bravo-Rufe gab es für alle. Durchweg alle verbanden Gesang und Spiel, natürlich rollenabhängig, sehr überzeugend.
Dennoch gab es mit Iordanka Derilova (Brünnhilde) und Stephan Klemm (Hagen) zwei ausgemachte Publikumslieblinge. In weiteren Rollen brillierten Arnold Bezuyen, Ulf Paulsen, Nico Wouterse, Angelina Ruzzafante, Rita Kapfhammer, Anne Weinkauf und Sonja Freitag. Die Chöre unter Helmut Sonne überzeugten einmal mehr mit Gesang und Spiel gleichermaßen hervorragend.
Die Bühnenbildgestaltung von Jan Steigert verdient eigentlich eine umfangreiche eigene Betrachtung, weil so viel Symbolik darin steckt und sich wundersame Verwandlungen vollziehen. Farbe, Licht und Formen, ganz im Bauhausstil, waren stimmig eingesetzt.
Für eine technische Meisterleistung und gleichsam eine verblüffende dramatische Regieidee steht der schwarze Kubus, aus dem auf freier Bühne der Walkürefelsen "geboren" wird. Die Mystik unterstreichende Kostüme hat Suse Tobisch geschaffen.
Videoeinspielungen vervollständigen die Stimmung, unterstützen Handlungen, hätten aber an manchen Stellen etwas dezenter ausfallen können.
Bei teils stakkatohaften symbolträchtigen "Bewegungsmustern" stutzte der eine oder andere Gast zunächst - Spielraum, für sich selbst eine Deutung zu finden.
Wagners Musik in ihrer Vielschichtigkeit zu beschreiben, erscheint überflüssig. Der Anhaltischen Philharmonie unter GMD Antony Hermus ist in Ehrfurcht zu danken, was das Publikum mit spontanem stehenden Beifall tat, als alle Musiker auf der Bühne erschienen.
Joachim Lange, Mitteldeutsche Zeitung, 14.5.2012
Premierenpublikum feiert Dessauer «Götterdämmerung»
DESSAU-ROSSLAU/MZ. Die Götterdämmerung ist schon von der puren Länge her das gewaltigstes Einzelstück aus Richard Wagners Ring-Vierteiler. Doch in dem Fünfstünder sind viele der Ring-Messen längst gesungen. Es wird nur in ausführlichen Rückblenden daran erinnert, dass es da einen schweren Fall von Goldraub gab. Mit weitreichenden Folgen und etlichen Toten. Denn mit dem Ring, den sich Alberich aus seiner Beute schmiedet, bekam das Unheil in der Welt sein Symbol. Wotan geht fremd Selbst Wotan, der eigentlich für die Ordnung der Welt zuständig ist, wurde als er vom Ring hörte, zum Dieb. Außerdem geht er fremd, was das Zeug hält, versucht, den Inzest seiner außerehelich gezeugten Zwillinge zu decken, und verhilft obendrein noch deren Sprössling Siegfried zu einer Liebschaft mit der eigenen Tochter Brünnhilde. Dass er damit zugleich versucht, die in den Dreck gefahrene Kiste Welt wieder flott zu machen und den eigenen Untergang in Kauf nimmt - das alles gehört zur Vorgeschichte. Da läuft Siegfried "nur" noch bei den Gibichungen in Hagens tödliche Intrigenfalle. Was Wagner auf seine vertrackt großartige Weise seinem 19. Jahrhundert, also auch dem aufkommenden Kapitalismus abgelauscht hat, zu entwickeln und neu zu befragen, macht den Reiz der Ringtetralogie aus. Wenn man, aus welchen guten Gründen auch immer, den Ring vom Ende her beginnt, fehlt natürlich die Vorgeschichte. Und das ist ein Problem. Aber sei's drum. Für die Wagnerfans in Sachsen-Anhalt hat das den Vorzug, dass man dem "Siegfried" in Halle eine gänzlich andere "Götterdämmerung" folgen lassen kann. André Bückers Ring-Ansatz zielt ohnehin nicht auf die offenkundige (vor allem von Joachim Herz in Leipzig und dann von Patrice Chereau in Bayreuth in den siebziger Jahren beispielhaft ausgelotete) Korrespondenz zur Gesellschaft, in der das Werk entstand, oder auch zu der, in der er inszeniert wird. Er nimmt die "Götterdämmerung" für sich, als den ästhetischen Kosmos eigenen Rechts. Dabei macht er aus dem vermarktungscleveren Zusatz zum Titel des Projektes " … in der Bauhausstadt Dessau" ein ästhetisches Prinzip. Und das mit einer erstaunlichen Konsequenz und einem ausgeprägten Formwillen. Dabei nimmt er in Kauf, dass die Form (zu) oft über den Inhalt, ja sogar über die Musik triumphiert. Vor allem die permanent flimmernden Projektionen (von Frank Vetter und Michael Ott) auf dem weiß verkleideten Bühnenportal nerven schnell. Mag sein, dass das die rampennahe Statik der Personenplatzierung ausgleichen sollte. Im Ganzen gelingt freilich eine faszinierende Kunstanstrengung. Denn die von den Farb-, Form- und Theateransätzen der Bauhäusler oder von Robert Wilsons ritualisierter Bewegungsdramaturgie und Lichtmagie inspirierte Ästhetik trägt szenisch vor allem deshalb, weil Jan Steigert eine großartige Raumlösung gelungen ist. Der Walkürenfelsen ist ein schwarz glänzender Riesenquader, dessen 14 Schichten so beweglich sind, dass sie sich mit scheinbarer Leichtigkeit zu einem abstrakt stufigen Felsen auffächern lassen. Meisterwerk der Bühnentechnik Als Gibichungen-Halle fungieren drei riesige Turmkonstrukte, in denen man sich ebenso wie auf dem umgebenden Plateau wie von Fahrstuhl-Zauberhand auf und ab bewegen kann. Zusammen mit den beweglichen Teilhorizonten, die als Projektions-Leinwände im Dauereinsatz sind, ist da ein Meisterwerk der Bühnentechnik zu bestaunen, das obendrein wie geschmiert funktioniert. Suse Tobischs Kostüme fügen sich in ihrer bunten Abstraktion als eigenständige Kunstwerke ein. Mal mehr - wie bei Brünnhilde oder den blau berockten, mit Neon-Leuchtspeeren bewaffneten Mannen. Mal weniger - wie ausgerechnet beim Siegfried. Der sieht schon seltsam antiheldisch, wie ein missglücktes Playmobil-Männchen aus, dem der Regisseur obendrein eine Art Stechschritt verordnet hat, mit dem der Ärmste wie der Storch im Ringsalat herumstapfen muss. Es lacht trotzdem keiner. Die Konsequenz schützt ihn. Und natürlich der fast bis zum Schluss tadellose, exzellent wortverständliche Gesang, mit dem Arnold Bezuyen seinen ersten Siegfried meistert! Wie Halle kann auch Dessau mit dem Superhelden glänzen. Stephan Klemm ist wenn auch kein übermäßig diabolischer, aber doch ein hochsouveräner Hagen. Ulf Paulsen fügt seinem Gunther eine Extraportion Spiel hinzu. Angelina Ruzzafante leidet besonders überzeugend als betrogene Gutrune. Nico Wouterse ist der immer noch ehrgeizig mitspielende, seinen Sohn Hagen manipulierende Alberich. Ein Kabinettstück von Wagnergesang lieferte Rita Kapfhammer mit ihrer Waltrauden-Erzählung (aber auch als erste Norne und Flosshilde). Anne Weinkauf und Sonja Freitag komplettierten das orakelnde Trio der Nornen und der Rheintöchter. Bleibt die hauseigene Brünnhilde: Iordanka Derilova. Die läuft nach kleinen Anlaufproblemen ab dem zweiten Akt zu erstklassiger Form auf. Mit einer unglaublichen, vibratoreichen Durchschlagskraft, doch stets ohne zu brüllen und mit mustergültiger Artikulation! Und während die Musik das Ende der Götter zelebriert, kommt ein kleiner Jung-Siegfried vor den Vorhang. Was wohl "Alles auf Anfang" heißen soll. Seinen Jubel für die Protagonisten und die von Helmut Sonne einstudierten Chöre steigerte das Premierenpublikum noch einmal bei Antony Hermus und der Anhaltischen Philharmonie. Dem Generalmusikdirektor und Ring-Neuling ist es wirklich auf Anhieb gelungen, die Geister der langen Wagner-Tradition im Bayreuth des Nordens für seinen Ring-Auftakt zu erwecken. Dafür gab es am Samstagabend ganz zu Recht stehende Ovationen.
Peter Jungblut, Bayerischer Rundfunk, 13. Mai 2012
Für ihre romantische Ader sind die Bauhaus-Künstler nicht gerade bekannt. Und auch mit Richard Wagners gefühlsgeladenen Werken hatten sie wenig im Sinn, ging es dem Bauhaus doch um einen Aufbruch in die Moderne, um Zweckmäßigkeit, Alltagstauglichkeit, kurz und gut: Um die Beschränkung auf das Wesentliche. Deshalb beschäftigte sich das Bauhaus mit den drei Grundfarben rot, blau und gelb, und mit drei Grundformen Kreis, Dreieck und Viereck. Man könnte auch sagen: Mit Harmonie und Geometrie. Genau diese Gedanken bestimmten auch die "Götterdämmerung", die gestern Abend in der Bauhaus-Stadt Dessau Premiere hatte. Intendant und Regisseur André Bücker.
[André Bücker: Das Bauhaus hat natürlich auch eine ganz wichtige Wirkung hier in der Stadt, als Weltkulturerbestätte, als großer Partner auch für das Theater, und wir haben uns bei der Konzeption, bei den Überlegungen zum Ring natürlich Gedanken gemacht, wo siedeln wir das an, wir behandeln wir diesen Stoff und da sind wir auf die klassische Moderne gekommen, da sind wir auf Wieland Wagner gekommen mit Neubayreuth, die Einflüsse, die es da aus der klassischen Moderne und dem Bauhaus-Bereich gab, auch Paul Klee. Das wichtige bei unserem Ring ist, dass wir nicht eine kalte, analytische, geometrische Veranstaltung machen, sondern dass sich über diese äußere Form auch stark die Emotionen transportieren.]
Bauhaus auf der Opernbühne - das hat also Tradition. In den radikal leer geräumten Bühnenbildern von Wieland Wagner in den fünfziger Jahren ersetzte das Licht beinahe sämtliche Requisiten, Kostüme und Kulissen. Einen ähnlichen Weg beschritt André Bücker. Farbprojektionen dominierten die Götterdämmerung, immer streng entlang der Grundfarben rot, blau und gelb. Selten tauchten germanische Runen in diesen Flächen auf, oder auch Liniengewirre und pulsierende Formen, die mal an Zellkulturen, mal an Blutkreisläufe oder Schattenspiele erinnerten. Natürlich bewegten sich die Sänger in dieser abstrakten Bauhaus-Optik streng geometrisch: Eine Finger-, Hand- oder Armbewegung ist jeweils ein Ereignis - alle Aufmerksamkeit konzentriert sich auf diese kleinen und kleinsten Gesten. Ansonsten sind die Personen wie erstarrt, wie eingenäht in ihre Bauhaus-Kostüme. Auch hier hält sich das Design strikt an die Grundfarben und Grundformen des Bauhaus-Stils - Siegfried stakst in rechteckigen Riesenstiefeln herum, die Rheintöchter tragen kegelförmige Röcke, Brünnhilde zieht mit einem dreieckigen, roten Herz die Blicke auf sich, Hagen schüchtert seine Gegner mit einem Kampfanzug in Brauntönen ein. Das alles hätten den Bauhaus-Künstlern vermutlich sehr gefallen - ist aber nicht immer bühnenwirksam. Die Beschränkung auf wenige Gesten und Blicke steigert zweifellos die Konzentration des Publikums, das streckenweise dem Konzept schier atemlos folgte. Andererseits ist eine derart strenge Orientierung am Bauhaus bisweilen ermüdend - vor allem dann, wenn sich die Personen bei Wagner eigentlich total entäußern, also alle Grenzen und Konventionen hinter sich lassen und ganz ihren Gefühlen folgen. In solchen Momenten wirken sowohl die grellen Lichteffekte, als auch die reduzierte Körpersprache fehl am Platz. Gerade die Lichtregie war so emsig und aufdringlich im Einsatz, dass weniger deutlich mehr gewesen wäre, um mit dem Bauhaus zu argumentieren. Dennoch ein großer Erfolg für Dessau, auch wegen des grandiosen Orchesters unter Leitung von Antony Hermus. Er dirigierte ausgesprochen feinfühlig, was den überwiegend hervorragenden Sängern zugutekam. Soviel Textverständlichkeit ist selten, und auch das darf getrost zu den Bauhaustugenden gerechnet werden.