von Thomas Altmann
Weil „der geheilte Pimmel“ Geschichte schrieb, vermitteln Salami oder Knirps zum Finale den historischen Triumph auf gruppendynamische Art und handgreifliche Weise, bis die Zwangspolonaise von der Sieges- zur Premierenfeier führt, um jenes betretene Lächeln zu weinen, welches diesen Gruppentanz mit Anfassen jenseits volltrunkener Aktivität auszeichnet. Wir sind das Volk - und Klaus Uhltzscht ist der Held.
Eine völlig deformierte Figur, ein grell überzeichneter Mitläufer, der scheinbar alle beschädigten Biografien seiner Artgenossen in sich versammelt, spielt die Hauptrolle
in Thomas Brussigs Roman „Helden wie wir“. Die helle Wut über die verpasste Auseinandersetzung mit der sanftmütig gewendeten Vergangenheit mag hinter der außergewöhnlichen Alltagsgeschichte gelesen werden. Die Bühnenversion des Bestsellers feierte Freitag in der Inszenierung von Axel Sichrovsky Premiere im Alten Theater.
Sebastian Müller-Stahl gibt den eher perversen als paraphilen Stasi-Deppen, der behauptet, mit seinem durch Bluttransfusion, Unfall und Operation vom Zipfelchen zum Rammbock gewachsenen Zentralorgan die Mauer eingerissen zu haben. Seine Lebensgeschichte zwischen Nichtigkeit und Hybris wird verkauft - an einen Reporter und an das Publikum. Uhltzscht empfängt die Gäste als Entertainer mit einer Endlosschleife trist fröhlicher Begrüßungsfloskeln. Dieses Showmaster-Image mag reichlich nachwirken und der Last des piefigen Vokals unter der Allmacht der Konsonanten entgegen arbeiten. Aber schließlich gedeiht die Tristesse des verklemmt aufgezogenen Jungen zwischen Hygienegöttin und Stasimuffel, zwischen dienstbeflissener Mütterlichkeit und dumpf schweigender Väterlichkeit aus der Perspektive eines historischen Helden.
Müller-Stahl bringt eine beschädigte Figur auf die Bühne, die wirklich unangenehm zu erleben ist. Aber der widerwärtige Wink erscheint vortrefflich ausbalanciert und erlaubt den Zugriff auf das Typische, auch wenn nicht jeder Stasi-Trottel einen Goldbroiler gefickt haben mag. Und wenn es ganz dicke kommt, wird in die Tröte geblasen, worauf sich alle erheben und „Unsere Heimat“ singen, was so schön nach begrenzter Scholle klingt. Benjamin Schultz und Nils Fichtner spielen pointiert noch einige Geräusche und Noten der Erinnerung ein. Generell aber muss diese Hymne für die ironisch heimwehkranke Selbstvergewisserung ausreichen. Denn die Bühne (Norgard Kröger) greift nicht in die liebreizend verstaubte Rumpelkammer der Ostalgie, um die grelle Perversion der Diktatur auszumalen. Eher zeigt sie gemäß gegenwärtiger Perversion Showspektakel an.
Auf Monitoren oder Leinwand werden keine Gänsehaut-Momente eingeblendet, sondern Vater und Mutter beim Gericht über den Jungen in abendlicher Enge oder der Rattenbau, die Stasi-Dienststelle unter dem Zuschauerpodest. Uhltzscht steigt nach unten, filmt die Befehle des Nussknackers, filmt das Spiel der Blödheit in bildhafter Begrenztheit. Er zeigt sein widerborstiges Zipfelchen im Schattenriss her, tanzt mit der Puppe, kopuliert mit dem Schicksal, hadert mit dem Dingsda, spielt keimfreie Mutter und erdrückend schweigenden Vater, dessen Tod den Helden zu einem Befreiungsschlag in das verlogene Gesicht des guten Geschmacks ausholen lässt.
Vor dem Finale wird ein Positionswechsel für einen zaghaften Wendehals in der ungeschminkten Lesart des Autors vollzogen. Das Publikum steht auf der Bühne – und Müller-Stahl vertanzt mit Wolfs- Maske Christa Wolfs Rede auf dem Alexanderplatz. Ob flüssig, gespreizt, lärmend oder amüsant, immer wird auf Hochtouren gereizt, um klare Positionen schrill einzufordern. Nun fällt der Held, verletzt sein Kleines. Dann wird der Ruhm des genesenen Großen als Riesensalami oder Knirps verschwenderisch verteilt. Dann rammen alle eine Mauer aus Pappkartons ein. Sind Helden. Trinken Sekt aus Bechern. Und endlich kommt die Polonaise, auch ein verdrängtes Stück struktureller Gewalt des Übergangs.