Schiffbrüchige Sinnsuche
Elias bleibt an Land, hängt am Mast und haut die Dinger raus, Zoten, herzensgut und frauenfeindlich. Einst Gegenspieler des Königs Ahab, der in Israel den Baalskult wieder einführte, warnt Elias nun vor dem Rachefischzug des Kapitäns Ahab, der den weißen Wal, den Wal in der "farblosen Allfarbe der Gottlosigkeit" jagt.
Schäumende Gischt
"Moby Dick - Die Erzählung eines Abenteuers frei nach dem Roman von Herman Melville", inszeniert von Matthias Huhn, feierte am Freitag Premiere im Alten Theater Dessau. Geboten wird ein Stück, das man gerne in die Mitte des Bücherregals legen würde, um immer wieder darin zu blättern. Es ist ein Abenteuer, ein Ködern der Gedanken, in dem das Wort wie Senkblei die Tiefe auslotet, bald Segel über windstillen Weiten setzt; und immer schäumt die Gischt.
Gewöhnlich auf die Abenteuergeschichte verschnitten, hält sich Huhn an das ganze Buch in der Übersetzung von Matthias Jandris: 866 Seiten, in denen philosophiert und doziert wird, um mit dem Abenteuer eine wankende Landkarte der Seele anzulegen! Huhn hebt gelungen wenige Teile für das große Ganze auf die Bühne, liefert das Wesen, einen Tanz um das in Seenot geratene goldene Kalb, einen Tanz des kenternden Egos. Aber sind diese Fragen nicht längst gefragt, gehören sie nicht ins 19. Jahrhundert, wie die ewige Kopfnuss, wie die Theodizee, die Frage nach den konträr erscheinenden Postulaten, nach dem allmächtigen und generell gütigen Schöpfergott angesichts des Leidens in und an der Schöpfung? Oder sollte jeder Jäger zur Rechtfertigung des Menschen angesichts des Leidens wenigstens ein Holzbein tragen? Inzwischen mag Gott verstorben sein oder ohnmächtig aufseiten der Schlechtweggekommenen kränkeln. Und mag auch alles Fragen am Horizont der Verabredungen enden, in diesem hochkonzentrierten Kammerspiel sitzt man wie ein Kind im Abenteuerland, gefesselt am Wagnis des Denkens, an einer schiffbrüchigen Sinnsuche, anfahrend gegen das sinnlose Schweigen der Natur, Gottes und eben auch des Menschen. Diese Inszenierung greift dynamisch die rhythmischen und metaphorischen Sprünge der Vorlage auf, entfaltet und bricht virtuos die Motive auf einer Bühne (Markus Karner), die ohne Seefahrer-Romantik in See sticht. Stechend sind auch die wenigen Tropfen, welche still die Teichfolie foltern. Und die große Welle beschreibt vor allem den wankenden Boden.
Die Sprache springt mit den Orten, geht auf Distanz, läuft durch Monitore. So orakeln die aphoristischen Säulen unaufgesetzt und doch überbelichtet, um sich in naher Wiederholung zu entfernen: "Sobald man sagt: Ich, ein Gott, ein Wesen, hüpft man vom Hocker und baumelt am Balken. Jawohl, dies Wort ist der Henker." Und die seetüchtige Crew knotet das Seil. Stephan Korves liefert maß- und kraftvoll karikierend Unbefangenheit. Jan Kersjes wird clownesk agierend vom Schiffjungen zum Narr zwischen Mime und Pantomime. Patrick Rupar steuert das Schiff vergebens in Richtung Alltag, hält die Pistole an den Kopf des schlafenden Kapitäns, befragt in körperlicher Qual den ewig schweigenden Gott. Und Ahab? Hätte der nicht ein wenig holzbeiniger auf sein Ego stampfen sollen? Gut, dass Sebastian Müller-Stahl dieser Rolle, der Sprache, den Gesten keine Augenklappe aufsetzt.
Wie ein Shakespeare-Monolog
Thorsten Köhler gibt einen Propheten in Gestalt eines Buchhalters, die Idiotie der Normalität, spielt im Süßwasser-Aquarium Gott und deklamiert zu Recht Ismaels Traktat über die Farbe der Gottlosigkeit wie einen Shakespeare-Monolog. Endlich zertrümmert kein Wal die Pequod. Wozu auch? Gesunken sind die Seeleute, die in abgewogenen Wellen der Ironie das Pathos brechen, längst. Nun gehen sie nach nebenan, ins Licht. Und wir rudern, mit Füßen im Süßwasser-Aquarium trampelnd, durch die Flaute der großen Fragen, oder sitzen längst mit Jona im Fischbauch. Und übrigens: Das Jenseits hat einen Pfeiler aus Stahl-Beton, mittig.