Sonderkonzert „Es werde Licht!“

im Rahmen des IMPULS-Festivals

Thomas Altmann, Mitteldeutsche Zeitung, 16.11.2011

Verstörend schön

IMPULS-FESTIVAL „Dolorosa" und „Psalmensinfonie" faszinieren im Anhaltischen Theater im Konzert "Es werde Licht".
Nun sind der Schmerzensmutter Maria mit dem Leichnam ihres Sohnes alle getöteten Kinder in den Schoß gelegt. Beweint wird die mörderische Unversöhnlichkeit, beklagt jede fanatische Sinnstiftung des Martyriums, befragt mithin die forensischen Kategorien der christlichen Lehre, die Kreuzes-Theologie, welche Hinrichtung und Heil bindet - all dies in der wörtlichen Aufführung des „Stabat mater". Es war ein Fest der sieben Schmerzen, das Konzert des Impuls-Festivals "Es werde Licht" am Sonntag im Anhaltischen Theater. Zwei Vertonungen religiöser Texte standen auf dem Programm: „Dolorosa" von Giles Swayne und die „Psalmensinfonie" von Igor Strawinsky. Es musizierten der MDR Rundfunkchor Leipzig unter Leitung von Howard Arman und die Anhaltische Philharmonie unter Leitung von Antony Hermus.
Schmerz- und tränenreich: Der Brite Swayne hat sein 2004 entstandenes Werk „Stabat mater" überarbeitet. „Dolorosa" op.95, für gemischten Chor, Solostimmen und Violoncello, wurde am 3. November in Leipzig uraufgeführt. Dem mittelalterlichen Gedicht, welches Eingang in die katholische Liturgie fand, sind hebräische, aramäische und arabische Texte hinzugestellt, das Kaddisch, das wichtigste jüdische Gebet, ein Segen der Toten aus dem Babylonischen Talmud und das muslimische Begräbnisgebet „Salàat al-Junàaza". Somit wird ein Klagelied angestimmt, das mit den Trauernden auf allen Seiten die religiöse Intoleranz beklagt.
Politisch, polyglott und polyphon, und doch schimmert durch transparente Texturen wie ein Destillat aus Stimmen und Sprachen das Persönliche, das nahezu Leibliche, das Unabwendbare der Trauer, des Schmerzes, der Wut. Swayne setzt das Violoncello (Anna Carewe) für das oder die Opfer, die Chorsolisten für die trauernden Familien und den Chor für die Gesellschaft. Zusammenstellen und zerlegen, atmen, schreien, schweigen, qualgeboren schön ist dieses Werk. Gebrochen schön, peinigend leise leidet das Cello, als souffliere es einem Abwesenden die endgültige Verlassenheit. Und wie die Stimmen der Mütter immer wieder aus der Fassung fallen, verletzt unendlich. Und der Chor, diese Vielzahl, dieser Farb- und Formensinn, mitleidend und entfesselt. Schalom, Salaam, und Dona nobis pacem: Das eine Friedensgebet der drei Religionen bleibt zum Finale klagend, fragend, verstörend, wie unerlöst. Alle Hoffnung bleibt vage und der Mensch zurückgeworfen auf sich selbst.
Am Ende des Konzertes erklingt mit dem Schlussstein des Psalters, mit dem 150. Psalm, doch ein Festhymnus bei voll besetztem Tempelorchester, jedenfalls laut Bibeltext. Nur Strawinsky macht mal wieder einiges anders: Ohne Violinen, Bratschen, Klarinetten, mit zwei Klavieren, reichem Bläserensemble und Schlagwerk ist das Orchester unkonventionell besetzt. Sein doppeltes Gotteslob, „Alleluia, Laudate Dominum", ist weder laut noch prächtig, eher andächtig, verhalten, nachdenklich. Wunderbar still, wie in ein Gebet versenkt, lobt der Chor die versetzte Archaik aus.
Da sind Not- und Bittgesang; die Verse aus den Psalmen 38 und 39 schon verklungen. Wie ein Relief, wie der Schattenriss eines Klageliedes beginnt die Sinfonie, ein Präludium, dem eine Doppelfuge folgt. Auf Augenhöhe verknüpfen sich so im zweiten Satz Orchester und Chor, formen eine fesselnde Zwiesprache zwischen Alter Ego und Beter, zwischen instrumentaler und vokaler Fuge. Und auf das Lob, das wie ein Gebet erscheint, folgt das Fest, kantig, urwüchsig, schwebend. Chor und Orchester berauschen auch ohne prahlend jubelnden Lobpreis, klangvoll, intensiv, ungemein suggestiv und verstörend schön. Jetzt sind sie also doch irgendwie zugegen, die Tempelmusiker aus dem Schlussstein des Psalters, mit Zimbeln, Zithern und Posaunen.

Giles Swayne: Dolorosa für Chor, Solisten und Cellosolo
Igor Strawinsky: Psalmensinfonie für Chor und Orchester
Dirigenten: Howard Arman, Antony Hermus /// MDR-Rundfunkchor

Wenn große Orchester im In- und Ausland ein Werk mit Chorbeteiligung planen, steht der MDR Rundfunkchor auf der Wunschliste ganz oben. Der größte und traditionsreichste Rundfunkchor Deutschlands präsentiert als neuer IMPULS-Partner zusammen mit der Anhaltischen Philharmonie zwei religiöse Werke, die auf Versöhnung und Erlösung zielen. In der Komposition des Briten Giles Swayne werden die drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam textlich und musikalisch zusammengeführt. Mit seiner Widmung »an die trauernden Mütter Israels und Palästinas« gibt Swayne darüber hinaus seinem Werk einen aktuellen politischen Bezug. Igor Strawinsky als religiösen Komponisten zu bezeichnen, ist angesichts der wenigen von ihm geschriebenen Werke, die sich mit religiösen Themen auseinandersetzen, ungewöhnlich. Für eine Auftragskomposition für das Boston Symphony Orchestra suchte Strawinsky nach einer Dichtung, die für den Gesang geeignet, ja bestimmt war und entschied sich für Verse aus drei alttestament- lichen Psalmen: Er vertonte Verse aus dem 38. Psalm »Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien«, aus dem 39. Psalm »Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir« und schließlich den gesamten 150. Psalm »Halleluja! Lobet den Herrn in seinem Heiligtum; lobet ihn in der Feste seiner Macht!« Die drei Psalmen fügten sich zu den drei Sätzen der Psalmensymphonie, deren Partitur Strawinsky im August 1930 abschloss – zu einer Zeit, in der er nach Jahren der Entfremdung von Glauben und Gemeinde in die russisch-orthodoxe Kirche zurückkehrte.