Verstörend schön
IMPULS-FESTIVAL „Dolorosa" und „Psalmensinfonie" faszinieren im Anhaltischen Theater im Konzert "Es werde Licht".
Nun sind der Schmerzensmutter Maria mit dem Leichnam ihres Sohnes alle getöteten Kinder in den Schoß gelegt. Beweint wird die mörderische Unversöhnlichkeit, beklagt jede fanatische Sinnstiftung des Martyriums, befragt mithin die forensischen Kategorien der christlichen Lehre, die Kreuzes-Theologie, welche Hinrichtung und Heil bindet - all dies in der wörtlichen Aufführung des „Stabat mater". Es war ein Fest der sieben Schmerzen, das Konzert des Impuls-Festivals "Es werde Licht" am Sonntag im Anhaltischen Theater. Zwei Vertonungen religiöser Texte standen auf dem Programm: „Dolorosa" von Giles Swayne und die „Psalmensinfonie" von Igor Strawinsky. Es musizierten der MDR Rundfunkchor Leipzig unter Leitung von Howard Arman und die Anhaltische Philharmonie unter Leitung von Antony Hermus.
Schmerz- und tränenreich: Der Brite Swayne hat sein 2004 entstandenes Werk „Stabat mater" überarbeitet. „Dolorosa" op.95, für gemischten Chor, Solostimmen und Violoncello, wurde am 3. November in Leipzig uraufgeführt. Dem mittelalterlichen Gedicht, welches Eingang in die katholische Liturgie fand, sind hebräische, aramäische und arabische Texte hinzugestellt, das Kaddisch, das wichtigste jüdische Gebet, ein Segen der Toten aus dem Babylonischen Talmud und das muslimische Begräbnisgebet „Salàat al-Junàaza". Somit wird ein Klagelied angestimmt, das mit den Trauernden auf allen Seiten die religiöse Intoleranz beklagt.
Politisch, polyglott und polyphon, und doch schimmert durch transparente Texturen wie ein Destillat aus Stimmen und Sprachen das Persönliche, das nahezu Leibliche, das Unabwendbare der Trauer, des Schmerzes, der Wut. Swayne setzt das Violoncello (Anna Carewe) für das oder die Opfer, die Chorsolisten für die trauernden Familien und den Chor für die Gesellschaft. Zusammenstellen und zerlegen, atmen, schreien, schweigen, qualgeboren schön ist dieses Werk.
Gebrochen schön, peinigend leise leidet das Cello, als souffliere es einem Abwesenden die endgültige Verlassenheit. Und wie die Stimmen der Mütter immer wieder aus der Fassung fallen, verletzt unendlich. Und der Chor, diese Vielzahl, dieser Farb- und Formensinn, mitleidend und entfesselt. Schalom, Salaam, und Dona nobis pacem: Das eine Friedensgebet der drei Religionen bleibt zum Finale klagend, fragend, verstörend, wie unerlöst. Alle Hoffnung bleibt vage und der Mensch zurückgeworfen auf sich selbst.
Am Ende des Konzertes erklingt mit dem Schlussstein des Psalters, mit dem 150. Psalm, doch ein Festhymnus bei voll besetztem Tempelorchester, jedenfalls laut Bibeltext. Nur Strawinsky macht mal wieder einiges anders: Ohne Violinen, Bratschen, Klarinetten, mit zwei Klavieren, reichem Bläserensemble und Schlagwerk ist das Orchester unkonventionell besetzt. Sein doppeltes Gotteslob, „Alleluia, Laudate Dominum", ist weder laut noch prächtig, eher andächtig, verhalten, nachdenklich. Wunderbar still, wie in ein Gebet versenkt, lobt der Chor die versetzte Archaik aus.
Da sind Not- und Bittgesang; die Verse aus den Psalmen 38 und 39 schon verklungen. Wie ein Relief, wie der Schattenriss eines Klageliedes beginnt die Sinfonie, ein Präludium, dem eine Doppelfuge folgt. Auf Augenhöhe verknüpfen sich so im zweiten Satz Orchester und Chor, formen eine fesselnde Zwiesprache zwischen Alter Ego und Beter, zwischen instrumentaler und vokaler Fuge. Und auf das Lob, das wie ein Gebet erscheint, folgt das Fest, kantig, urwüchsig, schwebend. Chor und Orchester berauschen auch ohne prahlend jubelnden Lobpreis, klangvoll, intensiv, ungemein suggestiv und verstörend schön. Jetzt sind sie also doch irgendwie zugegen, die Tempelmusiker aus dem Schlussstein des Psalters, mit Zimbeln, Zithern und Posaunen.