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staging the bauhaus II

Inszeniertes Raumkonzert der Anhaltischen Philharmonie im Rahmen des Festivalkongresses „Vorstellungsvermögen II“ zur Bauhaus-Bühne Dessau

Werke der Avantgarde im Bauhaus entdeckt, Mitteldeutsche Zeitung, 18.10.2011

Daniel Carlberg setzt mit Musikern der Anhaltischen Philharmonie "staging the bauhaus" erfolgreich fort.

Daniel Carlbergs Wunsch ist in Erfüllung gegangen: Die Konzertinstallation „ staging the bauhaus “ ging vergangenen Donnerstag in die zweite Runde. Im Rahmen des Kongresses „Vorstellungsvermögen II“ am Bauhaus war erneut die Anhaltische Philharmonie unter der Leitung ihres ersten Kapellmeisters auf der Bauhausbühne mit Werken der Avantgarde zu erleben. Dabei widmete sich das diesjährige Konzertprogramm weniger den Aspekten von Raum und Zeit als dem Menschen im Raum. So waren im ersten Teil des Konzertes drei Liederzyklen zu hören, gesungen von Jagna Rotkiewiecz, Sopran im Opernchor des Anhaltischen Theaters und dort auch immer wieder in solistischen Partien zu erleben. Alexander Mossolows und Igor Strawinskys Liederzyklen "Vier Zeitungsannoncen", "Drei Kinderszenen" und "Pribaoutki" (am ehesten mit Stanzel übersetzbar) sind kleine humoreske, fast kammermusikalisch besetzte Momente. Da wird eine Vermisstenanzeige eines Hundes oder der Kummer eines Kindes über den kaputten Brummkreisel zum Inhalt dieser künstlerischen Entdeckungen. Vorgetragen, nicht nur unaffektiert und mit einem warmen Timbre, sondern auch als kleine Szenen inszeniert, die den amüsanten Inhalt bebilderte, begeisterte Jagna Rotkiewiecz das Publikum.
So ging man erheitert in die Pause. Charmant, informativ und humorvoll führte Carlbergs Moderation durchs Programm, machte das sinnliche Erlebnis auch zu einem lehrreichen.
Musikalisch wie auch visuell führte der zweite Teil des Abends in eine ganz andere Richtung. Über 40 Damen und Herren der Anhaltischen Philharmonie saßen eng gedrängt auf der Bühne, ganz hinten in der Mensa standen auf zwei Podesten die Schauspielerin Eva Marianne Berger und ihr Kollege Patrick Rupar, die die russischen Texttafeln des Stummfilms "Das neue Babylon" übersetzten, der rechts und links auf zwei Leinwänden zu sehen war. Erzählt wird die Geschichte des Aufstandes der Arbeiter in Paris in Folge des verlorenen Krieges gegen die Preußen, der vom Militär brutal niedergeschlagen wird. Charakteristisch für den Film sind die skurrilen überzeichneten Figuren und martialische Musik. Eiskalt läuft es den Rücken herunter, wenn Schostakowitsch die galoppierenden Pferde der Preußen imitiert, während die Pariser noch völlig unwissend feiern. Daniel Carlberg entlockte dem Orchester einen perfekt balancierten Klang mit der notwendigen Präzession und Intensität. Das ließ auch über gewisse Längen des Filmes hinwegsehen.
Zu erleben war ein Konzert, an das man sich gerne zurückerinnert, das für völlig unbekannte Werke begeisterte und das Bedürfnis zurückließ, es nochmals erleben zu dürfen, da die zahlreichen Eindrücke kaum alle zu fassen waren. Man kann sich nur wünschen, dass. diese erfolgreiche Kooperation zwischen Bauhaus und Anhaltischem Theater im kommenden Jahr eine Fortsetzung findet.

Johannes Killyen, Mitteldeutsche Zeitung, 29.11.2010

Die Bilder und die Klänge des Bauhauses

In launiger Küchenpoesie hat Oskar Schlemmer die Bühnenarbeit einmal als "Blume im Knopfloch des Bauhauses" bezeichnet und damit sicherlich mehr als nur ein schmückendes Emblem gemeint. Die Arbeit an der Bauhausbühne bündelte wie in einem Brennpunkt die unterschiedlichsten Kräfte der Weimarer und dann vor allem der Dessauer Avantgarde-Schmiede. Auch wenn viele experimentelle Ansätze der 20er und 30er Jahre, die für die neuartige Bühne entwickelt wurden, nicht über das Stadium der Idee hinauskamen, waren ihre Nachwirkungen gewaltig - gerade in den USA. Über Details dieser Rezeption tauschten sich in einem Kongress nun Fachleute aus, während die interessierte Öffentlichkeit am Freitag eine fulminant sinnliche "Konzertinstallation" auf der Bauhausbühne vorzog.

Die hatte es in sich, gerade weil ein glänzend moderierender wie dirigierender Daniel Carlberg und die bestens aufgelegte Anhaltische Philharmonie nicht den Versuch unternahmen, historische Bauhausprojekte wieder zu beleben, sondern Maximen des Bauhaustheaters in Szene setzten: als "Beziehungen von Licht, Raum, Fläche, Form, Bewegung, Ton, Mensch", wie Bauhausmeister Moholy-Nagy es einst formuliert hat.

Den Anfang machte der auf drei Leinwände projizierte Dokumentarfilm "The City" (1939), zu dem das Orchester und ein in die Lücken der Partitur hinein improvisierender Pianist (Boris Cepeda) die Original-Filmmusik von Aaron Copland spielten.

Fesselnd war zum einen der Film selbst, der die Folgen ungehemmten industriellen Wachstums vorführt und dieser düsteren Vision aus kochendem Stahl und rauchenden Schloten den Traum von einem menschenwürdigen Leben in grünen Vorstädten entgegen setzt. Doch der eigentliche Clou war die Musik des Gottvaters der amerikanischen Musik, die nicht wie eine Klangsoße über die Filmhandlung gegossen wird, sondern stets ihre Eigenständigkeit bewahrt, ja entscheidende Akzente setzt. Ein von Patrick Rupar gesprochener hymnischer (Original-)Begleittext rundete das Gesamtkunstwerk ab.

Demgegenüber erkundete Charles Ives berühmtes metaphysisches Programmstück "The unanswered question" (Die unbeantwortete Frage, 1906) die klangräumliche Wirkung des Bauhauses vom Foyer bis zur Hinterbühne - während Arnold Schönbergs "Begleitmusik zu einer Lichtspielszene" (1929/30) in bester Bauhausmanier von einer eigens dafür kreierten Lichtkomposition (Ronny Traufeller, Norman Wassmuth) illuminiert wurde. Flackernde, grauschattierte Formen ließen im Kopf jenen Film ablaufen, der zu Schönbergs Komposition nie gedreht worden war.

Schließlich ein Skandalstück ersten Ranges, ganz unklassisch, ganz dem stampfenden Lärm der neuen Zeit huldigend: George Antheils "Ballet mécanique" (1926) für sage und schreibe vier Flügel und sieben Schlagzeuger. Dieses Werk ist revolutionär, nicht weil dabei ständig Wecker klingeln und Flugzeugpropeller mehr dekorativ sich drehen. Es ist ein Manifest, in dem der Rhythmus gegen die Melodie aufbegehrt und sich von ihr löst. Mit brachialem Knall endete dieser Akt der Befreiung. Das Bauhaus bebte im Applaus.
Das Konzert wird am 6. Dezember um 19 Uhr wiederholt.

Alexander Mossolow: „Drei Kinderszenen“ für Gesang und Instrumentalensemble (Instr.: Edison Denissow), „Vier Zeitungsannoncen“ für Singstimme und Kammerensemble (Instr.: Edison Denissow)
Igor Strawinsky: „Pribaoutki“ (Chansons plaisantes) für Singstimme und 8 Instrumente
Dmitri Schostakowitsch: „Das neue Babylon“, Musik zum Stummfilm
Anhaltische Philharmonie Dessau
Gesamtkonzept und Dirigent: Daniel Carlberg
Solistin: Jagna Rotkiewicz, Sopran
Sprecher: Eva Marianne Berger, Patrick Rupar
Szenografie: Torsten Blume
Dramaturgie: Holger Kuhla

Anknüpfend an den großen Erfolg im vergangenen Jahr beim spektakulären Konzert „staging the bauhaus“ gibt es in diesem Jahr eine Fortsetzung. Die Konzertinstallation auf der Bauhausbühne im Rahmen des Festivalkongresses „Vorstellungsvermögen II“ zur Bauhaus- Bühne widmet sich diesmal der Musik der russischen Avantgarde. Neben drei kleinen vokal-instrumentalen Miniaturen von Alexander Mossolow und Igor Strawinsky, bei denen Jagna Rotkiewicz als Solistin mitwirkt, wird der Stummfilm „Das neue Babylon“ gezeigt und mit der Originalmusik von Dmitri Schostakowitsch live von der Anhaltischen Philharmonie begleitet. Für das Gesamtkonzept zeichnet Dirigent Daniel Carlberg verantwortlich, der auch wieder eine kleine Einführung in das Programm geben wird.

Der Kongress "Vorstellungsvermögen II" ist ein gemeinsames Projekt der Stiftung Bauhaus Dessau und des Anhaltischen Theaters Dessau in Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin, dem Mime Centrum Berlin und dem Internationalen Theaterinstitut Berlin.