Schlittenfahrt und Schneemann-Flug
Weihnachtliches Konzert der Anhaltischen Philharmonie setzt auf familiäre Programmmusik.
Können Schneemänner auf Zehenspitzen laufen? Dieser schon, aber erst nach der Pause. Zuvor erklingen Peitschenknall, Glockengeläut, Pferdeschellen und ein zitterndes Frauenzimmer. Leopold Mozarts „Musikalische Schlittenfahrt“ gibt den Rahmen nicht nur der „Teutschen Tänze“, sondern auch für das Violinkonzert a-Moll von Johann Sebastian Bach und für die vierte der „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi.
Das „Weihnachtliche Konzert“ der Anhaltischen Philharmonie unter Leitung von Daniel Carlberg kam nach der Premiere im Elbe-Werk Roßlau am Wochenende im Anhaltischen Theater an. Eine Vorstellung wird es noch geben, am Abend vor der Stillen Nacht. Wienert oder Salzburgt er? Patrick Rupar gibt im Sessel thronend Papa Mozart, liest aus dessen Brief an Johann Jakob Lotter, liest so schön breit das nunmehr erweiterte Programm zur Programmmusik.
Schnee aus den Mähnen
Die Schlittenfahrt gerät reizend, eine lautmalerische Lustbarkeit, bewegte Pinselstiche aus sicherer Hand. Wir zittern, tanzen, sehen den Schnee aus den Mähnen der Pferde fallen und rasten zum Violinkonzert BWV 1041. Annemarie Gäbler, 1. Preisträgerin des Violin-Förderwettbewerbs der Ostdeutschen Sparkassenstiftung 2010, führt einen reinen runden, einen edlen Ton, bleibt klar und klangvoll, auch wenn die Tempi anziehen, schön und kontrolliert. Das Orchester trägt bestechend schlank Tiefenschärfe.
Weihnachtliche Geschichte
Der Schlitten fährt weiter, bis Vivaldis Winter eine Fülle plastisch programmatischer Details unbestechlich reinweiß auf die Bühne malt. Als treibe der "schreckliche Wind" draußen vor dem Fenster und breche kein Eis, vermag Gäbler mit ihrem reinen offenen Ton wieder zu faszinieren.
Nach der Pause kommt schließlich "Der Schneemann", der auf Zehenspitzen laufen kann, eine weihnachtliche Geschichte für Sprecher, Knabensopran und Orchester, vertont von Howard Blake, nach dem verfilmten Kinderbuch von Raymond Briggs. Als der Schneemann lebendig wird, erlebt sein kleiner Erbauer eine traumhafte Nacht, Tücken des Kamins, eine heilsame Kühltruhe, Nasenwahl, Motorradfahrt und einen Flug zum Weihnachtsmann. Die Musik zeichnet atmosphärisch dicht, dramatisch und detailverliebt. Sogar den Lichtschalter, den der Schneemann so gerne umlegt, knipst das temperamentvoll illustrierende Orchester an und aus. „Wir fliegen durch die Nacht, wir schweben auf des Mondes Schein“: Der Knabensopran wechselt mit den Aufführungen. Diesmal singt Conrad Papesch den Ohrwurm, schön sentimental. Apropos schmelzend, am Ende, weil die Sonne scheint, ist der warmherzig kalte Kerl zerronnen.
Lieder auf den „Märzschnee“ von Jean Sibelius folgen, bevor Kristina Baran (Sopran) und Anne Weinkauf (Mezzosopran) segensreich und warmherzig den „Abendsegen“ singen, als Hänsel und Gretel aus Engelbert Humperdincks Märchenoper. Die Pantomime folgt als Kindertraum mit weißen Flügeln, mit ersten oder schon erprobten Schritten, welche die Schwerkraft auf fantastischen Zehen in Frage stellen. So sitzen Hänsel und Gretel an der Rampe, engelhaft behütet vom Kinderballett, fernab von märchenhafter Menschenfresserei und psychischen Defekten. Warm ums Herz und weihnachtlich singt der Kinderchor "Alle Jahre wieder" und härtere Festliteratur, das schöne mystische „Es kommt ein Schiff geladen“, aber auch „Maria durch ein Dornwald ging“. Mit diesem kleinen Leben im Bauch läuft sie durch die tote Welt, nach Schlittenfahrt und Schneemann-Flug und überhaupt? Dennoch, in dieser Vielfalt, mit diesem Orchester verwöhnen die Weihnachtslieder das Gemüt. "Stille Nacht, heilige Nacht", früh ein wenig, aber selig.